Was in Jerusalem geschehen ist – Die Verhaftung

Was in Jerusalem geschehen ist – Die Verhaftung

Texte zur Karwoche auf SR 2 KulturRadio

Wolfgang Drießen  

Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche schildert zum Auftakt der Karwoche 2020 den Abend der Verhaftung des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Geschichte am Kreuz enden würde.

Als sein Freund und Jünger war mir klar, dass es nicht ohne war, nach Jerusalem zu kommen. Aber dass es so plötzlich geschah, konnte niemand ahnen. Sie haben ihn verhaftet und weggeschafft. Ich bin noch ganz starr vor Schreck. Alles ging so schnell. Keiner hat damit gerechnet.

Mitten in der Nacht taucht im Garten Getsemani ein Polizeikommando auf. Das weiß genau, wo und nach wem es zu suchen hat. Des Rätsels Lösung: Einer aus unserem Kreis hat ihn verraten, Judas. Wir hatten uns schon gewundert, wo er die ganze Zeit geblieben war. Wir hatten überlegt, wo wir die Nacht verbringen würden. Eigentlich hatten wir uns jeden Abend nach Bethanien begeben, wo Lazarus wohnt, und dort übernachtet.

Heute Nacht ging das aber nicht, denn in der Pascha-Nacht müssen alle Pilger in Jerusalem bleiben. Die Behörden haben extra den Stadtbezirk erweitert, damit die vielen Menschen auch alle unterkommen. Bethanien liegt außerhalb dieses Bezirks. Wir mussten uns also etwas anderes suchen und beschlossen, die Nacht über unter den Olivenbäumen am Hang von Getsemani zu bleiben. Hier hatten wir unsere Ruhe und konnten ungestört beten und etwas schlafen. Da muss er wohl sofort die Tempelbehörde alarmiert haben. Ideale Bedingungen für eine Verhaftung. Ruhig und abgeschieden, keine Zeugen. Keiner von uns hatte daran gedacht.

Klar, sie hatten schon öfter versucht, ihn festzusetzen. Wenn seine Reden mal wieder die Obrigkeit erzürnt hatten. Aber er war beim Volk beliebt und niemand wollte einen Aufruhr riskieren. Es gelang uns immer wieder, ihn in Sicherheit zu bringen. Auch deshalb waren wir von der Verhaftung wie gelähmt. Keiner hatte ernsthaft damit gerechnet bei der Menge Menschen, die sich in Jerusalem versammelt hatte und der knisternden Spannung, die überall herrschte.

"Ja kein Aufruhr!" - Diese Devise war allgemein bekannt. Deshalb fühlten wir uns ziemlich sicher. Und dann so etwas. Eine Verhaftung ohne jedes Aufsehen. Zweifellos geschickt gemacht und genau so beabsichtigt. In aller Stille und ohne jede Öffentlichkeit haben sie ihn dingfest gemacht. Und ausgerechnet Judas Iskariot, ein Mann aus unserem Kreis, hat für den reibungslosen Ablauf garantiert. Das konnte den Hohepriestern nur hochwillkommen sein.

Wir trauten unseren Augen nicht: Da taucht er zusammen mit einer Polizeitruppe der Tempelbehörde urplötzlich zwischen den Bäumen auf. Er geht zielsicher auf unseren Herrn zu, begrüßt ihn, als sei er allein gekommen. Zweifellos ein Trick, um sicher zu gehen, dass ja der Richtige verhaftet wird. Was mag er sich nur dabei gedacht haben? Nie hätte ich ihm das zugetraut, wo er doch einer seiner glühendsten Verehrer war. Wahrscheinlich hat er ihn gründlich missverstanden. Vielleicht wollte er ihn aus der Reserve locken, wollte hören und sehen, ob er wirklich der Messias ist, auf den die frommen Juden alle warten. Der hätte mit den Polizisten kurzen Prozess macht. Vielleicht hat er auch schlicht und einfach Geld gebraucht. Egal, was soll's.

Unser Herr hat sich jedenfalls widerstandslos festnehmen lassen.

Ich könnte mir die Haare raufen, dass wir nichts unternommen haben. Aber wir waren wie gelähmt. Aus dem Schlaf geschreckt und eingeschüchtert. Mit Schlagstöcken haben die Soldaten vor unseren Nasen herumgefuchtelt. Wir sind weggelaufen und haben uns im Dunkeln versteckt. Erst später habe ich mir ein Herz gefasst und jetzt folge ich der Gruppe vorsichtig. Das ist einfach, denn ihre Fackeln leuchten hell. Am Bach Kidron geht es entlang, direkt in die Stadt hinein. Vor einem großen Gebäude machen sie Halt und treten ein. Ich glaube, es ist das Haus des Hohenpriesters. Wenn das so ist, dann ist die Sache ernster als ich glauben möchte.

(Wolfgang Drießen)

Zeugnis des Leidens
Was in Jerusalem geschehen ist
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken zur Passion Christi, die "Zeugnisse des Leidens". Die Texte stammen von Wolfgang Drießen von der katholischen Kirche.

Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 06.04.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt ein Kunstwerk von Augustin Hirschvogel (German, 1503 - 1553), The Kiss of Judas, etching (Bildquelle: imago images / Artokoloro).

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