Prof. Dr. Andreas Nachama (Foto: Pressefoto/Thomas Lobenwein)

"Jeder, der sich ein Stück außerhalb der Norm bewegt, hat es schwer"

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Nachama, Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands

Ursula Thilmany-Johannsen. Onlinefassung: Rick Reitler   10.08.2019 | 14:35 Uhr

"Unsere große Toleranz und Liberalität hört da auf, wo die Leute kein T-Shirt und keine Blue Jeans tragen." Prof. Dr. Andreas Nachama, der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands, sieht angesichts aktueller Angriffe auf Rabbiner in Berlin und München zu wenig konkrete Handungsansätze gegen derartige Übergriffe.

Nach den aktuellen Übergriffen gegen Rabbiner in Berlin und München hat Prof. Andreas Nachama, der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands und Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors“, im SR-Interview bedauert, dass er "wenig konkretes Handeln" in der deutschen Gesellschaft sehe, "das helfen könnte, solche Dinge abzustellen".

"Die Sache war immer schon schlecht"

Allgemein hätten es jene Personen schwer, die anhand ihrer Kleidung oder Kopfbedeckung als Angehörige bestimmter Gruppen zu identifizieren seien. "Unsere große Toleranz und Liberalität hört da auf, wo die Leute kein T-Shirt und keine Blue Jeans tragen", sagte Nachama im Gespräch mit SR-Moderatorin Ursula Thilmany-Johannsen. "Die Sache ist nicht schlechter geworden - sie war immer schon schlecht."

Die Menschen "am Arbeitsplatz abholen"

Gegensteuern könne und solle man schon in der Schule - in der "Schule der Nation", wie Nachama sich ausdrückte. Das Problem sei, dass "die Mehrheit" sich nicht mehr in der Schulbank, sondern am Arbeitsplatz aufhalte. "Da müssen wir sie abholen", forderte Nachama, dort gehe es darum, den Leuten klar zu machen, dass jeder Mensch "überall außerhalb seines Kiezes, seines Dorfes und seines Familienverbands" sich "in einer Minorität" befinde.

Recht auf Bewegung im öffentlichen Raum

Immerhin habe doch jeder - "egal wie er sich kleidet, ob als Polizist, ob als Zimmermann, ob als Kleriker oder als Rabbiner oder als jemand, der 'ne Kippa trägt" - das Recht, "sich frei und ohne Verletzung und ohne beschimpft zu werden, im öffentlichen Raum zu bewegen."

Dieses Interview wird in der Sendung "Religion und Welt" vom 10.08.2019 auf SR2 KulturRadio gesendet.

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