"Diese innerkirchlichen Strukturen bedürfen dringend einer Reform"

"Diese innerkirchlichen Strukturen bedürfen dringend einer Reform"

Ein Gespräch mit Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs vor dem Krisengipfel im Vatikan

Audio: Katrin Aue. Foto: SR Fernsehen. Onlinefassung: Rick Reitler   21.02.2018 | 08:15 Uhr

Johannes-Wilhelm Rörig, der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat im SR-Interview "eine klare Übereinkunft" der Teilnehmer des Krisengipfels im Vatikan gefordert, den betroffenen Opfern mehr Rechte einzuräumen - und endlich innerkirchliche Reformen auf den Weg zu bringen.

"Es sollten schon handfeste Ergebnisse bei dem Krisengipfel vereinbart werden". Der Jurist Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, setzt im Interview mit SR-Moderatorin Katrin Aue viel Hoffnung auf das viertägige Krisentreffen im Vatikan, bei dem der Papst und die Spitzen der weltweit 113 Bischofskonferenzen den internen Umgang mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Würdenträger aufarbeiten wollen.

Rechte von Betroffenen stärken

"Wir sind Kirche": Vatikan droht Glaubwürdigkeitsverlust
Audio [SR 2, Thomas Shihabi, 21.02.2019, Länge: 05:48 Min.]
"Wir sind Kirche": Vatikan droht Glaubwürdigkeitsverlust
Christian Weisner, der Sprecher der Laien-Reformbewegung "Wir sind Kirche“, sieht das Treffen als "Schicksalsgipfel": Der Vatikan müsse anerkennen, dass die "sexualisierte Gewalt" und der "Machtmissbrauch" keineswegs "Einzelprobleme" seien, sondern "zur DNA der Kirche" dazugehörten. Papst Franziskus müsse endlich an dieses Grundproblem "herangehen" - andernfalls drohe der Verlust der Glaubwürdigkeit, sagte Weisner im SR-Interview.

"Ich wäre sehr froh, wenn eine klare Übereinkunft - möglichst einstimmig - beschlossen würde, in der formuliert ist: 'Wir werden die unabhängige Aufarbeitung von Missbrauch in unseren Reihen unumkehrbar voranbringen, Betroffenen helfen, Entschädigungen leisten, Betroffene auch rehabilitieren und vor allen Dingen Betroffenen Rechte einräumen und ihnen Zugang zu Informationen und Akten verschaffen'."

Mehr Demokratie

Um "das riesengroße Problem der Vertuschung und Verleugnung" zu beseitigen, habe der Klerus allerdings noch einige strukturelle Reformen auf den Weg zu bringen, meint Rörig: "Wenn da ein System von Check-and-Balance eingeführt würde, würde das sicherlich die innerkirchlichen Strukturen stärken, zu mehr Demokratie hin." Der Staat wolle und solle sich seiner Meinung nach aber heraushalten.

Eine Chronologie der katholischen Missbrauchsskandale
Audio [SR 2, Katrin Aue / Tilmann Kleinjung, 21.02.2019, Länge: 03:27 Min.]
Eine Chronologie der katholischen Missbrauchsskandale
Für den SR hat Tilmann Kleinjung die wichtigsten "Meilensteine" der Missbrauchsgeschichte in der katholischen Kirche zusammengetragen.

Hintergrund

Allein in Deutschland sollen zwischen 1946 und 2014 mehr als 3600 Kinder und Jugendliche von Amtsträgern der katholischen Kirche missbraucht worden sein - so das Ergebnis einer Studie vom September 2018, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellt worden war.

Ab dem 21. Februar 2019 wollen sich die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen zu einem viertägigen Krisengipfel in Rom treffen, um eine Zwischenbilanz zur innerkirchlichen Aufarbeitung dieses Skandals zu ziehen.


Bischof Stephan Ackermann (Foto: Pasquale d´Angiolillo/SR)
In Deutschland wurde der Trierer Bischof Stephan Ackermann als Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzt (Foto: Pasquale d´Angiolillo/SR)


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Rückblick - Archiv:

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Die Meinung:

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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 20.02.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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