Kommentar: "Bekennen, bereuen, umkehren!"

"Bekennen, bereuen, umkehren!"

Die Meinung von SR 2-Kirchenredakteurin Barbara Lessel-Waschbüsch zur Missbrauchsstudie der deutschen Bischofskonferenz 2018

Barbara Lessel-Waschbüsch   26.09.2018 | 12:45 Uhr

Laut einer Studie haben katholische Geistliche in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 3600 Minderjährige missbraucht. "Bekennen, bereuen, umkehren, das ist der Weg", meint SR 2-Kirchenredakteurin Barbara Lessel-Waschbüsch. In ihrem Kommentar fordert sie u. a. mehr Transparenz, eine Öffnung der Archive und die strikte Befolgung der Verhaltensrichtlinien.

Es konnte überall geschehen: bei einem Treffen in der Privat- oder Dienstwohnung, in kirchlichen Räumen wie der Sakristei, in der Schule, im Zeltlager, beim Messdiener-Unterricht, im Zusammenhang mit der Beichte. Es kam es zu Penetrationen und intimen Berührungen unter der Kleidung, oft verbunden mit Selbstbefriedigung. Es ist ein Blick in einen menschlichen und institutionellen Abgrund.  Die vorgelegte Studie liefert rein deskriptive Zahlen, die nur einen Hinweis auf das tatsächliche Ausmaß der sexualisierten Gewalt in der katholischen Kirche geben, die Dunkelziffer ist hoch, darauf weisen die Forscher ganz deutlich hin. Und das Missbrauchsrisiko besteht weiter.

Abscheu und Entsetzen

Bei der Präsentation der Ergebnisse am 25. September sprach Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, von seinem wachsenden Abscheu und seinem Entsetzen über die dokumentierten Taten. Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärte selbstkritisch, dass in der Kirche zu lange Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht wurde. Gut so! Kardinal Marx bittet um Entschuldigung: "Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben. Die Betroffen haben Anspruch auf Gerechtigkeit", sagt der Kardinal.

Gerechtigkeit?

Den Anspruch auf Gerechtigkeit wird wohl wirklich niemand bezweifeln. Doch wie sieht diese Gerechtigkeit jenseits von bescheidenen Anerkennungszahlungen für das erlittene Leid im Detail aus? Im "Zuhören" allein kann sie wohl nicht bestehen. Und auch nicht allein darin, dass die Betroffenen, die oft ein Leben lang an den physischen und psychischen Folgen des Missbrauchs leiden, nicht mehr allein gelassen werden, sondern nun viel stärker als bisher in den Prozess der Aufarbeitung einbezogen werden.

Versagen der Kirchenoberen

Die individuelle Schuld der Täter bleibt die Schuld der Täter. Doch nur das eindeutige, öffentlich erklärte Eingeständnis der klerikalen, institutionellen Schuld hilft wirklich weiter: Kirchenobere, die die Institution über den Schutz der Opfer und die notwendige Strafverfolgung stellen und sich damit begnügen, auffällig gewordene Priester einfach nur im Bistum versetzen: Sie haben völlig versagt und sich an den missbrauchten jungen Menschen versündigt und verdienen keinen institutionellen Schutz.

Aufarbeitung des Skandals tut Not

Die Studie legt nahe, um welche kirchlich brisanten Themenfelder es nun bei der wirklichen Aufarbeitung des Skandals gehen muss: eben um das Brechen klerikaler Macht, um die ungesunde Abschottung gegenüber der Gesellschaft und die längst zu Recht immer wieder gestellte Frage nach dem Umgang mit Sexualität allgemein und Homosexualität im Besonderen. Es geht auch um das Sakrament Beichte, das perfiderweise auch zum Einfallstor für Missbrauchstäter geworden ist: Ein weiterer Aspekt ist die Auswahl psychisch reifer Priesteramtskandidaten und die Begleitung der Priester über die Jahre hinweg ist.

Kirche am Wendepunkt

Eine Stimme von SR 2: Barbara Lessel-Waschbüsch (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Barbara Lessel-Waschbüsch (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Kardinal Marx sieht seine katholische Kirche zu Recht am Wendepunkt: Schon viel zu viele Gläubige sind angewidert vom Missbrauchsskandal ausgetreten, andere leiden still an ihrer Kirche.

Bekennen, bereuen, umkehren, das ist der Weg. Nur Transparenz kann wieder mehr Vertrauen schaffen und Glaubwürdigkeit zurückgeben. Deshalb müssen die Archive  nun auch für unabhängige Untersuchungen geöffnet werden. Die schon vorhandenen Verhaltensrichtlinien müssen in allen Bistümern konsequent befolgt werden. Achtsames und präventives Verhalten muss selbstverständlich sein. 

Doch ohne ein tatsächlich demütiges Amtsverständnis von Bischöfen und Priestern wird der bitter notwendige Wandel letztlich nicht gelingen.

Ein Kommentar von Barbara Lessel-Waschbüsch


Die andere Meinung:

tagesschau.de: Kommentar
Zweifelhafte Selbstheilungskräfte
Von der deutschen Bischofskonferenz ist in puncto Aufarbeitung des Missbrauchsskandals wenig zu erwarten: Der Vatikan hat keine Männer zu Bischöfen gemacht, die das System in Frage stellen, meint tagesschau-Kommentator Sebastian Kisters.


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Für Michael Schrom, Ressortleiter "Religion und Kirche" bei der Zeitung Publik Forum, ist es zumindest ein "gutes Zeichen", dass im Klerus ein "Problembewusstsein" für sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern entstanden sei. Trotz der selbstkritischen Studie der Bischofskonferenz sei es für ihn aber "noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen", sagte Schrom im Gespräch mit SR 2-Moderator Kai Schmieding.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 26.09.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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