§ 219a - "Eine doppelte Bestrafung"

Paragraf 219a - "Eine doppelte Bestrafung"

Ein Interview mit Karin Biewer, Leiterin von pro familia Saarbrücken, über die Konsequenzen von Paragraf 219a zur Bewerbung von Schwangerschaftsabbrüchen

Interview: Tanja Filipp-Mura / Onlinefassung: Martin Breher / Foto: Rick Reitler   01.09.2018 | 13:15 Uhr

Am Mittwoch mussten sich vor dem Amtsgericht in Kassel zwei Frauenärztinnen wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche verantworten, was Paragraf 219a des Strafgesetzbuches verbietet. Karin Biewer, Geschäftsführerin von pro familia Saarbrücken, erklärt im SR 2-Interview wie dringend ungewollt Schwangere die Chance brauchen, sich ausreichend und unabhängig informieren zu können.

"Auch Frauen, die dachten, sie haben [bei der Verhütung] alles richtig gemacht, sitzen hier vor mir und müssen völlig neu sortieren", sagt Karin Biewer, Geschäftsführerin von pro familia Saarbrücken, im SR 2-Interview mit Tanja Filipp-Mura über ihre Arbeit in der Beratung bei Schwangerschaftsabbrüchen. Die Entscheidungen nach einer festgestellten ungewollten Schwangerschaft müssten alle unter großem Zeitdruck getroffen werden, erklärt Biewer. Genau deshalb sei es so wichtig, dass Frauen in solchen Situationen so schnell wie möglich die nötigen Informationen bekommen. "Jede zusätzliche Hürde ist in so einer Notsituation eigentlich nicht im Sinne der Frau", sagt Biewer im Hinblick auf Paragraf 219a im Strafgesetzbuch, der die Bewerbung von Schwangerschaftsabbrüchen verbietet.

Neutralität erstes Gebot

Wichtig sei bei ihrer Aufgabe, "die Frauen zu einer Entscheidung zu bekommen, die ihre eigene ist", meint Biewer. Dazu sei Neutralität bei der Beratung "das erste Gebot". Auch die gesetzliche Bestimmung, dass zwischen Beratung und Schwangerschaftsabbruch mindestens drei Tage liegen müssen, helfe dabei, "zu einer guten Entscheidung" zu kommen.

Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zurückgegangen

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist in den letzten zehn Jahren von 119.000 Fälle auf 90.000 Fälle pro Jahr zurückgegangen. Das habe unter anderem mit einer guten Sexualaufklärung zu tun, glaubt Biewer, ebenso wie mit der Pille danach. Auch der Umstand, dass immer weniger Ärzte einen Schwangerschaftsabbruch in ihrer Praxis anbieten, könnte ein Grund dafür sein.

Ärzte haben Angst

Letzteres habe unter anderem mit den Anzeigen gegen Ärzte zu tun, wie zum Beispiel bei den beiden Ärztinnen aus Kassel, die sich jüngst vor Gericht dafür verantworten mussten, dass auf der Homepage ihrer Gemeinschaftspraxis  als medizinische Leistung neben Krebsvorsorge und Ultraschall auch "Abtreibung" stand, glaubt Biewer: "Ich erlebe, dass Ärzte wirklich Angst haben und angefeindet werden. Das finde ich einen unerträglichen Zustand." Für Frauen sei die Situation, dass sie bei einem Schwangerschaftsabbruch Angst haben müssen oder sich als Schuldige fühlen, "eine doppelte Bestrafung". Es müsse dringend dafür gesorgt werden, dass Ärzte andere Bedingungen bekommen, so Biewer.


ProgrammTipp:

Samstag, 1. September 2018, 14.20 Uhr: Religion und Welt
Über Abtreibung, katholische Frauen und eine Polen-Reise
Der juristische Streit um Werbung für Schwangerschaftsabbrüche, das Jubiläum der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland im Bistum Trier und die Polen-Reise von Kardinal Marx anlässlich des Solidarnosc-Jubiläums - das waren die Themen in der Sendung "Religion und Welt" vom 1. September.

Ein Thema in der Sendung "Religion und Welt" am 01.09.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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