Prof. Keupp: Aufarbeitung des Missbrauchsskandals "reicht bisher überhaupt nicht aus"

Aufarbeitung des Missbrauchsskandals "reicht bisher überhaupt nicht aus"

Der Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp über seine Arbeit als Kommissionsmitglied zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kirche

Peter König / Onlinefassung: Martin Breher   29.06.2018 | 16:00 Uhr

Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat den Umgang der Kirchen mit den Missbrauchs-Skandalen kritisiert. Für SR 2 KulturRadio hat Peter König mit Kommissionsmitglied Prof. Heiner Keupp gesprochen. Der Sozialpsychologe meint, dass die Kirchen die Missbrauchvorwürfe zu lange als "ihr ganz internes Problem betrachtet" hätten.

"Insgesamt hatte ich immer den Eindruck, als ob sie [die Kirchen] der Autoindustrie eine Vorlage geliefert haben, erst das zuzugeben, was eh schon nicht mehr abzustreiten war", sagt Prof. Heiner Keupp, Mitglied der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im SR 2-Interview in der Sendung "Religion und Welt".

Täterschutz durch Kirchen

Einen aktiven Täterschutz würde Keupp den Kirchen zwar nicht unterstellen, wie er sagt, kritisiert aber, dass Hinweise auf Täter nicht konsequent genug verfolgt worden seien. So sei es immer wieder vorgekommen, dass Täter nur versetzt worden seien und dann "in anderen Gemeinden ihre Spur fortgeführt haben". Dadurch sei aus der inkonsequenten Aufarbeitung "objektiv ein Täterschutz geworden".

Unabhängige Anlaufstelle gefordert

Keupp fordert eine unabhängige Anlaufstelle "für alle Menschen, die mit Missbrauchsgeschichten Hilfe suchen". Die jetzigen Strukturen in den Kirchen seien zu unübersichtlich, es fehle an fachlich qualifizierten Beauftragten in den Diözesen und Landeskirchen und an einer Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung. Immer wieder sei auch von Betroffenen kritisiert worden, dass die Kirchenjuristen - auf die man als Betroffener als erstes treffe – es im Regelfall nicht geschafft hätten, den Menschen "mit Respekt und mit Empathie" zu begegnen, wie es notwendig wäre, sagt Keupp.

Die Kirche strahlt nicht ein Gefühl der Empathie, des Einfühlens in die Opfer aus, sondern eher eine Wand, eine Mauer, die man kaum überspringen kann.

Über dieses Thema wird in der Sendung "Religion und Welt" vom 30.06.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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