"Vertrauen ist die wichtigste Währung in der Transplantationsmedizin"

"Vertrauen ist die wichtigste Währung in der Transplantationsmedizin"

Im Interview: Prof. Eckard Nagel

Ursula Thilmany-Johannsen / Onlinefassung: Fleur Geppert-Gasper  

In Deutschland werden so wenige Organe wie sonst nirgendwo in der EU gespendet. Dem will der "Tag der Organspende" entgegenwirken. Anlässlich dessen hat Ursula Thilmany-Johannsen mit dem Ethikexperten und Transplantationsmediziner Professor Eckard Nagel von der Universität Bayreuth über das Thema gesprochen.

Die Entscheidung zur Organspende ist für Prof. Eckard Nagel eine "sehr persönliche, über die man reflektieren muss". Doch bereits Pubertierende können in der Lage sein, diese Entscheidung zu treffen, so Nagel. Dass sich letztlich nur wenige Deutsche für einen Spenderausweis entscheiden, liege wohl daran, dass viele die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit scheuten.

Eine „wirklich tragische“ Situation

In Deutschland werden so wenige Organe wie sonst nirgendwo in der EU gespendet. Das „ist wirklich tragisch“, kommentierte der Transplantationsmediziner. Daher sei er persönlich auch für eine Überarbeitung des Transplantationsgesetzes. "Ich persönlich wäre für eine europäische Lösung", sagt Nagel und plädiert für eine "verschärfte Entscheidungslösung", d.h. die generelle Pflicht sich für oder gegen eine Organspende auszusprechen. Gleichzeitig solle aber auch die Aufklärung der Bevölkerung zum Thema verbessert werden.

"Natürlich wird um jedes Leben gekämpft"

Vor allem müsste den Patienten die Angst genommen werden, dass der Sterbeprozess in irgendeiner Weise durch ihre Spendenbereitschaft beeinflusst würde: „Natürlich wird um jedes Leben gekämpft und alles getan“, sagte Nagel. Es gebe ohnehin nur wenige Fälle, in denen eine Organspende in Frage komme, da nur intensiv-medizinisch behandelte Patienten als potenzielle Organspender in Frage kämen.

"Vertrauen zerstört"

Laut Nagel gebe es kaum einen Bereich, der rechtlich so einwandfrei geregelt und so häufig und kritisch geprüft würde, wie die Vergabe von Spenderorganen. Trotzdem hat seit 2012 in der Bevölkerung ein massiver Vertrauensverlust stattgefunden, erklärt Nagel. Damals hatten „einzelne wenige Universitätskliniken verbrecherisches Verhalten“ an den Tag gelegt und Patientendaten falsch dokumentiert. "Das hat Vertrauen zerstört", beklagt Nagel. Dennoch seien niemals Organe verkauft worden und niemand sei tatsächlich zu Schaden gekommen. Die Verfehlungen seien unentschuldbar, führten aber letztlich zu noch mehr Kontrollen.

Organspenden ermöglichen neue Zukunft

„Organe kommen heute bei denjenigen an, die sie am dringendsten brauchen“, versichert Nagel. Das könnten auch Kinder sein, bei ihnen sei eine erfolgreiche Transplantation so gravierend und daher fast wie ein Wunder anzusehen, das ihnen „Leben, Existenz und Zukunft“ überhaupt erst ermögliche.

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