"Es reicht nicht aus, den weißen Mann an der Spitze zu ersetzen"

"Es reicht nicht aus, den weißen Mann an der Spitze zu ersetzen"

Ein Kollegengespräch über Rassismus an deutschen Schauspielhäusern

Gespräch: Jochen Marmit; Maureen Welter   18.05.2021 | 16:56 Uhr

Die Theaterszene wird oft als freidenkend und gesellschaftskritisch wahrgenommen. Aber vor allem die hierarchischen Strukturen in den Stadt- und Staatstheatern reproduzieren immer wieder Rassismus und koloniale Sehgewohnheiten. SR-Reporterin Maureen Welter hat zu Rassismus in der deutschen Theaterbranche recherchiert.


In den Medien wurde viel über den Skandal am Schauspiel Düsseldorf berichtet: Ein Schwarzes Ensemblemitglied wurde während der Proben mehrmals rassistisch beleidigt und physisch bedroht. Seitdem haben sich mehrere BIPoC (also Schwarze, Indigene und Poeple of Color) zu ihren rassistischen Erfahrungen am Schauspiel Düsseldorf geäußert.

Schon beim Einstieg in den Beruf Schauspiel zeigt sich, wie schwierig es Nicht-weiße Menschen haben. Die Künstlerin Bianca Twagiramungu lernte zwei Jahre lang an der Kölner "Schauspielschule der Keller". Dort erfuhr sie von Dozentinnen und Dozenten immer wieder Rassismus, Sexismus und Exotismus. Eine Entschädigung oder öffentliche Entschuldigung gab es nicht.

Machtgefälle am Theater

Die Soziologin und Dramaturgin Natasha Kelly weist in einem Talk der Bildungsstätte Anne Frank darauf hin, dass besonders in den Stadt- und Staatstheatern strikte, hierarchische Strukturen vorliegen. An der Spitze der Pyramide stehe der Intendant, der fast immer ein weißer Mann sei. Das führe zu einer ungewollten Reproduktion sogenannter kolonialer Sehgewohnheiten.

Klassische Rollen wie die der Julia aus William Shakespeares "Romeo und Julia" würden nur selten mit einer Asiatin oder einer Schwarzen Frau besetzt. Hinzu komme das extreme Machtgefälle zwischen IntendantInnen und Ensemblemitgliedern, zwischen DozentInnen und SchülerInnen.

Lösungsvorschläge: Kurzzeitig Quote, langfristig Machtstrukturen aufbrechen

Einzelne weiße Personen mit Schwarzen am Theater auszutauschen, reicht laut Natasha Kelly aber nicht, sondern führt vielmehr zu Tokenismus, d.h. einzelne BiPoC werden eingesetzt, um nach außen hin den Anschein eines diversen Schauspielhauses zu erwecken. Das Rassismus-Problem sei damit aber nicht gelöst.

Die Dramaturgin Antigone Akgün schlägt vor, mindestens die Hälfte jedes Dramaturgieteams mit Nicht-weißen Menschen zu besetzen und auch auf Leitungsebene verschiedene Lebensrealitäten einzubringen. Um die hierarchische Struktur zu verändern, fordert Natasha Kelly eine Abschaffung der Macht-Pyramide und die Einführung flacherer Hierarchien.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 18.05.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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