CD der Woche: Yann Tiersen - Portrait

Yann Tiersen: "Portrait"

Die neue CD von Yann Tiersen

Johannes Kloth   10.12.2019 | 11:20 Uhr

Seine romantischen Musette-Walzern im Soundtrack zum Kino-Hit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ haben ihn berühmt gemacht. Doch auch wenn Yann Tiersen seine Berühmtheit vor allem Jean-Pierre Jeunets Filmerfolg zu verdanken hat – glücklich war er über die Liaison seiner Musik mit dem  Filmmärchen nie. Warum, erläutert er anhand eines Beispiels:

Yann Tiersen (Foto: Richard Dumas)
Yann Tiersen (Foto: Richard Dumas)

„Es gibt da ein Stück auf meinem dritten Album, ‚The drowned girl‘, es ist inspiriert von einem Schiffsunglück. Die Tragödie hat sich vor mehr als 100 Jahren in der Nähe der Insel, auf der ich lebe, ereignet. Mehr als 200 Menschen kamen ums Leben, darunter ein kleines Mädchen. Beim Schreiben des Stücks haben mich die Bilder dieses toten Mädchens verfolgt. Das Stück selbst hat eine hübsche, leichte Melodie, aber in meinem Kopf ist sie verbunden mit Bildern von Tod, Verwesung und Verfall. Und dann tauchte diese Melodie plötzlich in dem Amélie-Film auf - zu einer Liebesszene auf Montmartre. Das war einfach seltsam, es hat mich unangenehm berührt. Mir war es wichtig, meinen Stücken jetzt wieder ihre Geschichte zurückzugeben.“   

Nur drei neue Songs finden sich auf „Portrait“, den Kern bilden 22 Stücke von früheren Alben Tiersens, die er nun neu eingespielt hat. Da erklingt zum Beispiel „La Valse Des Monstres“, auch so ein vordergründig romantischer Titel, plötzlich im gespenstisch anmutenden Flaschenorgel-Sound. Und auf einmal wird nachvollziehbar, was Tiersen im Sinn hatte, als er das Stück Mitte der 90er-Jahre für die Theateradaption eines Horrorfilms komponierte.  

Ähnlich ist es mit Neufassungen anderer Titel – bekannteren wie unbekannteren. Sie alleerscheinen dunkler, minimalistischer, musikalisch schillernder als die Originale. Die Musik auf „Portrait“ klingt bisweilen rau und schroff – passend zum Wetter auf der kleinen bretonischen Insel Ouessant, auf der Yann Tiersen lebt und auf der auch das Album aufgenommen hat. Begleitet in sein Studio Eskal haben ihn enge musikalische Weggefährte wie Ólavur Jákupsson und Jens L. Thomsen, die unter anderem Schleifsteine und Plastikrohre zu ihren Instrumenten zählen. Außerdem dabei sind Gast-Vokalisten wie der amerikanische Crossover-Künstler Stephen O’Malley, Kazu Makino, die Sängerin der Dream-Pop-Band Blonde Redhead oder auch der Waliser Gruff Rhys, der Tiersens Radiohit „Monochrome“ neu interpretiert.

Doch im Mittelpunkt steht Yann Tiersen selbst, der mit diesem Album das Selbstbild eines grüblerischen Außenseiters zeichnet, der die Schönheit im Brüchigen sucht und findet. Doch wie auch über bretonischen Inseln immer wieder Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen und statt Sturm auch mal ein angenehm-milder Wind weht, so hat auch „Portrait“ seine lichten Momente. Meist sind es die Momente, in denen Yann Tiersen alleine am Klavier sitzt. Dann greift er auch mal zu den helleren Farben seines Malkastens.

Sanft klingt seine Musik dann, romantisch-verträumt. Sie lädt dazu ein, den eigenen Gedanken nachzuhängen. Es mögen einem dabei viele Bilder durch den Kopf ziehen. Kitschige Montmartre-Impressionen sind vermutlich eher nicht darunter.

Yann Tiersen: "Portrait" ist erschienen bei Mute.


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