Across the stars: Mutter spielt Williams

Across the Stars

Die neue CD von Anne-Sophie Mutter und John Williams

Johannes Kloth   02.09.2019 | 11:00 Uhr

Label: Deutsche Grammophon

ER ist einer der größten Komponisten der Filmwelt, SIE eine Violin-Virtuosin der Extraklasse: Hollywood-Großmeister John Williams hat sich speziell für Stargeigerin Anne-Sophie Mutter einige seiner Filmmusiken noch einmal vorgenommen und die Partituren für Solo-Violine und Orchester umgeschrieben. Das Album "Across the stars" ist viel mehr geworden als eine Kompilation bekannter Filmmusik-Titel.

Das Beste aus zwei Welten

"Die beste Filmmusik ist wie die beste Frau – die, die nicht stört". Was für ein Macho-Spruch, den der Komponist Paul Hindemith da einst vom Stapel gelassen hat, und noch dazu eine Geringschätzung des eigenen Metiers. Denn gute Filmmusik kann so viel mehr als bloß „nicht stören“. Sie hat eine ganz eigenständige Qualität, kann – nicht selten mehr noch als Bilder und Dialoge –  Stimmungen in uns auslösen, uns betören, irritieren, belustigen. Manchmal gelingt es einem Komponisten sogar, ein  musikalisches Motiv zu kreieren, das weit über den Film hinaus ein Eigenleben entwickelt. An vorderster Spitze dieser Könnerschaft steht der 87-jährige John Williams. 

Für Harry-Potter-Fans etwa reicht es, wenige Takte aus „Hedwigs Thema“ zu hören, um die Zauberschule von Hogwarts vor dem geistigen Augen zu haben. Doch die eigentliche Genialität des Komponisten John Williams liegt darin, dass man den Film nicht kennen muss, um die Musik zu genießen, findet Anne Sophie Mutter:

"'Hedwig’s Theme' ist wie eine Tondichtung, wie ein ‚Zarathustra‘ oder eine ‚Scheherazade‘: Auch wenn ich nicht weiß, dass es Hedwig ist, die fliegende Eule, ist diese Musik so stark und so packend, dass sie – genau wie eine Sinfonie von Beethoven – ins Mark trifft.“     

Anne-Sophie Mutter – in den 1970er-Jahren durch ihre Arbeit mit Herbert von Karajan schon in jungen Jahren in den Geigenhimmel katapultiert –  ist heute der Inbegriff des Klassikstars. Auf der Bühne brilliert die 56-Jährige mit klassisch-romantischem Repertoire. Aber auch in der zeitgenössischen E-Musik ist sie zuhause, was sich allein schon daran zeigt, dass Komponisten wie Krzysztof Penderecki oder Wolfgang Rihm regelmäßig Werke für sie schrieben.

Auf der neuen CD „Across the stars“ lernen wir Anne-Sophie Mutter nun also noch von einer weiteren Seite kennen. Williams lässt die Geigerin jedoch nicht einfach seine bekannten Melodien rezitieren. Vielmehr haben die beiden zwölf ausgewählte Filmmusiken in wahrhafte Violinfantasien verwandelt. Die Themen geben dabei den einzelnen Stücken zwar ihre jeweilige charakteristische Prägung, bilden aber im Grunde nur den Nukleus für Mutters solistische Ausflüge. Diese Art von Neuschöpfung des eigentlich Bekannten lässt uns verschmerzen, dass Mutter und Williams aus dem über 100 Soundtracks umfassenden Oeuvre des Komponisten keine wirklichen Überraschungen hervorgeholt haben. Die Auswahl von „Schindlers Liste“ über „Die Geisha“ bis zu „Star Wars“ reicht jedoch allemal aus, um in einer knappen Stunde in die unterschiedlichsten Filmwelten zu reisen: Mit dem zerknitterten Jedi-Guru Yoda geraten wir ins Schwelgen, mit Tim und Struppi gehen wir auf rasante Abenteuerfahrt, bevor wir schließlich mit Mutter und ihrer Stradivari hinab in Graf Draculas Gruft steigen.

John Williams tonsetzerische Detailgenauigkeit, Anne Sofie Mutters geradezu entfesseltes Spiel und die beispiellose Brillanz ihres Tons machen „Across the stars“ zu einem Erlebnis. Der Klang des Recording Arts Orchestra of Los Angeles unter Leitung des Meisters selbst ist dem Repertorie angemessen satt, ohne dass man als Hörer von sinfonischem Breitwand-Gestus erschlagen würde.    

„Across the stars“ ist ein Album, das Brücken baut, Klassikliebhaber und Filmmusikfans gleichermaßen anspricht, weil es starke Melodien und Virtuosität verbindet und so gewissermaßen das Beste aus zwei Welten vereint.

Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" vom 03.09.2019 auf SR 2 KulturRadio.


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