Der Kreuzweg im saarländischen Losheim (Foto: Wolfgang Drießen)

Jesus, du guter Hirte

Ein Text zur Karwoche von Harald Müller-Baußmann

 

Der Hirte beschützt die Schafe vor Gefahren. Er liebt die Natur. Und weiß, was gut ist für seine Schutzbefohlenen. "Jesus, du guter Hirte" ist für den Theologen Harald Müller-Baußmann deswegen ein zutiefst beruhigender Satz.

In der Karwoche verdichtet sich der Glaube an Jesus Christus. Noch einmal erfährt man die Höhen und Tiefen menschlichen Lebens und Leidens. Der Palmsonntag brachte einen Hoffnungsschub. Da jubelten die Leute Jesus noch zu. Karfreitag ist der Tiefpunkt möglichen Leidens, und mit Ostern siegt das Leben, das zur Auferstehung drängt.

Mithilfe der Jesus-Litanei können Glaubensgeheimnisse besonders in der Karwoche betrachtet werden.

Jesus, du guter Hirte. Was für ein beruhigender Satz!


Gedanken zur Karwoche: Jesus, du guter Hirte
Audio [SR 2, Harald Müller-Baußmann, 13.04.2022, Länge: 03:59 Min.]
Gedanken zur Karwoche: Jesus, du guter Hirte


Der Hirte beschützt die Schafe, weil es seine Profession ist, seine Leidenschaft. Er behütet sie vor Gefahren. Er liebt die Natur. Und weiß, was gut ist für sie. Das Wort der Führung soll bewusst vermieden werden, denn es weckt historische Assoziationen zu einem Führen, das der ganzen Menschheit unerträgliches Leid gebracht hat.

Hirten leiten ihre Schutzbefohlenen auf guten Wegen. Ihnen vertrauen die Schafe und folgen ihnen blindlings.

Bei Menschen ist es ähnlich und doch ganz anders, weil Menschen denken können und sich ihre Leitenden manchmal auch aussuchen können.

Menschen brauchen keinen Führer in ideologischer Verblendung, sehr wohl aber Vorangehende, die eine Idee – und keine Ideologie – verkörpern. Menschen müssen in sich ein Zutrauen empfinden, das weit über Sympathie und Mitgefühl hinausreicht.

Sie müssen das Gefühl erwerben, vom Guten umfangen zu sein. Sie müssen durchglüht sein von der erfühlten Nähe und Innigkeit dessen, der es gut mit ihnen meint. Der ihnen die Geborgenheit erweist, die über alle Grenzen des Verstandes reicht. So wird man Teil des Geborgenen und kann damit auch andere durchglühen.

Menschen brauchen kein starres "So-und-nicht-Anders". Sie brauchen vielmehr eine Bewegung, die auch ihre tiefste Seele erleuchtet und weit macht.

Das alles darf man von einem guten und weisen Menschenhirten erwarten.

Das Bild von Jesus als dem guten Hirten malt auch eine Dimension aus, die ins Utopische sich ausweitet. Es handelt sich dabei um keine "So-etwas-ist-nicht-möglich-Vision", wie sie in politischen Visionen manchmal vermutet wird.

Ein anderer Aspekt im Dasein des guten Hirten ist die absolute Selbstlosigkeit im Denken und Handeln. Gute Hirten sind so, weil sie so werden. Immer wieder. Sie sind vertrauenswürdig in ihrem Selbstverständnis.

In der Bibel heißt es an einer Stelle, dass die Seinen den guten Hirten kennen und der gute Hirte die Seinen kennt. Er lässt sich auch nicht verleugnen. Und er meint jeden von uns Menschen ganz persönlich. Das geht so weit, dass er für einen einzigen Verloren-Gegangenen die gesamte Herde warten lässt, um diesen einzigen seiner Schutzbefohlenen wieder zurückleiten kann.

Mit "dem Einzigen" ist in der Doppelbedeutung des Wortes nicht nur ein singulärer Mensch gemeint, sondern ein Mensch in seiner Einzigartigkeit. Der gute Hirte als Sinnbild für Jesus Christus kennt und erkennt uns in unserer ganzen Einmaligkeit, unabhängig davon, was an unserem Charakter nicht gut und liebevoll ist.

Der gute Hirte also nimmt jeden ernst, sorgt sich und kümmert sich.

Näher als er kann uns niemand sein. In der Karwoche erfährt man die Grenzenlosigkeit in seiner Liebe zum Menschen, die bis zur Hingabe im Tod reicht.


Harald Müller-Baußmann
Gedanken zur Karwoche 2022
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung. Die Texte stammen von Harald Müller-Baußmann.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 13.04.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt den Kreuzweg im saarländischen Losheim (Foto: Wolfgang Drießen)


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