Foto: SR/Uwe Jäger

Jesus, du Freund der Sünder

Ein Text zur Karwoche von Harald Müller-Baußmann

 

"Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein", so lautet ein Bibelwort aus dem Munde von Jesus Christus. "Geh hin und sündige fortan nicht mehr" war vor 2000 Jahren sein Rat an eine Sünderin. Ein gutes Beispiel für die Barmherzigkeit des Heilands, meint der Theologe Harald Müller-Baußmann.

In der Karwoche verdichtet sich der Glaube an Jesus Christus. Noch einmal erfährt man die Höhen und Tiefen menschlichen Lebens und Leidens. Der Palmsonntag brachte einen Hoffnungsschub. Da jubeln die Leute Jesus noch zu. Karfreitag ist der Tiefpunkt möglichen Leidens, und mit Ostern siegt das Leben, das zur Auferstehung drängt.

Mithilfe der Jesus-Litanei können Glaubensgeheimnisse besonders in der Karwoche betrachtet werden.

Jesus, du Freund der Sünder – so lautet ein Ruf an Jesus.


Gedanken zur Karwoche: Jesus, du Freund der Sünder
Audio [SR 2, Harald Müller-Baußmann, 12.04.2022, Länge: 04:21 Min.]
Gedanken zur Karwoche: Jesus, du Freund der Sünder


Irgendetwas zwickt, wenn ich den Satz lese. Warum ist er ausgerechnet ein Freund der Sünder? In der Bibel steht dafür ein Beispiel: Zachäus ist in Jericho Zollpächter und hat viel Geld damit verdient, die Menschen übers Ohr zu hauen. Als er erfährt, dass Jesus in der Stadt ist, klettert er auf einen Baum, weil er von Wuchs sehr klein ist, und Jesus so besser sehen kann. Jesus ruft ihm zu, er solle herunter kommen und ihn als Gast aufnehmen. Die Menschen sind empört über Jesu Verhalten. „Ausgerechnet bei dem Halsabschneider will er einkehren?“ Zachäus sagt, er wolle alle, die er betrogen hatte, großzügig entschädigen. Jesus antwortet ihm und damit auch der Menge: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Ein Lehrstück für Barmherzigkeit an einem Sünder.

Aber ist Jesu Verhalten tatsächlich lediglich mit seiner Barmherzigkeit zu erklären? Es geht um mehr. Ein anderes Beispiel verdeutlicht dies: Jesus erlebt, wie ein aufgewühlter Mob eine Ehebrecherin steinigen will, die in flagranti erwischt worden ist. Das jüdische Gesetz sieht dafür die Steinigung vor. Die Frau wirft sich Jesus zu Füßen und fleht um ihr Leben. Jesus ist in einer verzwickten Situation: auf der einen Seite steht das jüdische Gesetz, auf der anderen Seite will er die Frau retten. Die Männer, die die Frau steinigen wollen, freuen sich schon darauf, wie sich Jesus wohl aus der Affäre ziehen wird.

Seine Reaktion ist so einfach wie verblüffend:

Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Die tobende Menge ist baff. Denn wer kann das schon von sich behaupten. Die Männer gehen mit gesenkten Köpfen weg.

Zur Ehebrecherin sagte Jesus: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige fortan nicht mehr.

Zweifellos: Jesus hat sich wieder einmal als barmherzig erwiesen. Aber weitaus mehr noch.

Jesus hat der Frau Zukunft geschenkt. Er hat ihr den Raum erst geöffnet, von jetzt an ihr Leben von Grund auf zu ändern. Die Enge des gegenwärtigen Zwangs zur Erfüllung eines Gesetzes, das auch ganz anders lauten könnte, hat er gesprengt und sie frei gelassen in die Weite der Zukunft, die noch nicht begonnen hat, aber schon im Anbruch vorhanden ist.

Wir sündigen alle, immer wieder, weil wir nicht perfekt sind. Im Grunde weiß jeder, was gut und was böse ist. Aber wer hält sich immer daran?  Dann braucht es Wegweiser, die zeigen, wie wir geradliniger durch das Leben kommen.

Wem die Zukunft in der Gegenwart schon geraubt wird, macht keine Pläne mehr. Der gibt sich auf und resigniert. Jesus kennt das. Seine Zukunft wird auf Erden am Karfreitag enden. Dann ist Schluss. Davor hat er Angst, Todesangst, weil das Ende immer näher rückt.

Dennoch weiß und fühlt er: Er wird nicht in der Todesenge bleiben. Er wird in ein neues Lebens auferstehen.

Auch wenn er das weiß und es sich selbst immer wieder ins Gedächtnis ruft, lebt er mit der gleichen Angst, in gleicher Verzweiflung wie jeder von uns

Darin ist er Tröster und Prophet einer göttlichen Zukunft. Und bleibt Freund.


Harald Müller-Baußmann
Gedanken zur Karwoche 2022
SR 2 KulturRadio sendet in der Karwoche - mit Ausnahme des Karfreitags - täglich gegen 10.55 Uhr Gedanken über Leid, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung. Die Texte stammen von Harald Müller-Baußmann.


Ein Thema in der Sendung "Der Vormittag" am 12.04.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt eine Bibel aus dem Jahr 1770 (Foto: Uwe Jäger).


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