Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Samariter nehmen am traditionellen Pessach-Fest auf dem Berg Gerizim teil (Foto: picture alliance/dpa/XinHua | Nidal Eshtayeh)

Pessach

Jüdisches Leben

Ein Beitrag von Evelyn Bartolmai  

Sendung: Samstag 16.04.2022 13:00

Das Pessach- oder Paschafest gehört zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen. Es erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und damit aus der Sklaverei. Es ist in erster Linie ein Familienfest mit verschiedenen Riten und Bräuchen, wie zum Beispiel dem Verzehr von ungesäuerten Broten.


Jüdisches Leben: Pessach
Audio [SR 2, Evelyn Bartolmai, 16.04.2022, Länge: 04:06 Min.]
Jüdisches Leben: Pessach


"Chag haMazzot", Fest der ungesäuerten Brote, ist einer der Namen, unter denen das achttägige Fest Pessach auch bekannt ist. Gefeiert wird der Auszug aus Ägypten, mit dem nach über 400 Jahren die Sklaverei der Hebräer beendet wurde und sie sich auf den Weg in die Freiheit und in das vom Allmächtigen verheißene Land begaben.

Was das alles mit ungesäuerten Broten zu tun hat, ist weit mehr als nur eine anekdotische Beschreibung der Tatsache, dass Juden in den kommenden acht Tagen eben kein normales Brot, sondern nur die quadratischen, manchmal auch runden, in jedem Falle jedoch staubtrockenen Dinger essen, die den wohlklingenden hebräischen Namen "Mazza" tragen. Aber was ihnen an Geschmack fehlt, das machen sie mit einer schier endlosen Vielfalt an Symbolik wett, die nur schwer von anderen Lebensmitteln erreicht werden dürfte.

Manche behaupten, die Mazzot, wie der Plural von Mazza lautet, heißen deshalb ungesäuert, weil sie kein Triebmittel wie Hefe oder Backpulver enthalten. Dem sei jedoch energisch widersprochen, denn den Status ‚ungesäuert‘ verdanken sie allein dem Umstand, dass ihr gesamter Herstellungsprozess vom Anrühren des Teiges bis hin zum Verlassen des Backofens keinesfalls länger als 18 Minuten beträgt. Wenn es länger dauert, dann hat mit Sicherheit in der Verbindung aus Mehl und Wasser bereits der Gärungsprozess eingesetzt, und das Gütesiegel "koscher für Pessach" ist damit eindeutig verloren.

Historisch betrachtet symbolisieren die Mazzot zum einen die Armut, unter der die Hebräer in der ägyptischen Sklaverei lebten, denn mehr als Getreide und Wasser stand ihnen nicht für die Ernährung zur Verfügung. Zum anderen stehen diese farb- und geschmacklosen Fladen aber auch für die Eile, mit der unsere Vorfahren dereinst aus Ägypten aufbrachen, so dass nicht einmal mehr Zeit blieb, den Teig für ein normales Brot aufgehen zu lassen.

Aus spiritueller Perspektive steht dieses Aufgehenlassen des Teiges, also viel Luft in wenig Masse, für Aufgeblasenheit, Arroganz und Hochmut. Alles wenig positive menschliche Eigenschaften, derer wir uns beim Aufbruch in eine neue Ära, die die Freiheit nun einmal bedeutet, entledigen wollen.

Deswegen begrüßen wir dieses neue Kapitel in der jüdischen Geschichte, die ja nicht zufällig auch im Frühlingsmonat Nissan beginnt, mit dem achttägigen Verzicht auf Gesäuertes. Und genau deswegen nennt man das Pessach-Fest auch "Chag haCherut - Fest der Freiheit". 

Praktisch bedeutet das, die Tage und Wochen vor dem Fest für einen Frühjahrsputz zu nutzen und selbst die kleinste Spur von Chamez, also Gesäuertem, aus der Wohnung zu entfernen: Das reicht von Brotresten, angefangenen Mehltüten und alten Pasta-Packungen in der Küche bis hin zu den winzigen Chips- und Kekskrümeln, die jeder von uns so gerne auch auf dem Sofa und sogar im Bett verteilt.

Es muss nicht zwingend alles weggeworfen werden, man kann es auch in Schränken und Kartons verschließen und dann an den Nachbarn verkaufen. Einzige Bedingung: Die Käuferin oder der Käufer dürfen nicht jüdisch sein, denn uns ist nicht nur der Verzehr, sondern sogar der Besitz von Chamez verboten.

In Israel verkauft beispielsweise das Oberrabbinat das gesamte Chamez des Landes an einen angesehenen arabischen Geschäftsmann in Jerusalem, der dafür einen symbolischen Preis zahlt und damit sicherstellt, dass kein jüdischer Israeli während des Pessach-Festes das rituelle Chamez-Verbot übertritt. Der Verkaufsvertrag, der in geringeren Dimensionen natürlich auch außerhalb von Israel von den jeweiligen Rabbinern und ihren nicht-jüdischen Nachbarn geschlossen wird, ist zeitlich begrenzt und erlischt automatisch nach dem Fest, und dennoch hat er eine immense Bedeutung und ist eine sehr wichtige vertrauensbildende Maßnahme zwischen Juden und Nicht-Juden.

Dies gesagt und getan bleibt nur noch, die Festtafel zu decken und "Pesach kascher wesameach – ein koscheres und fröhliches Pessach" zu wünschen.


Das Bild ganz oben zeigt Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Samariter, die am traditionellen Pessach-Fest auf dem Berg Gerizim teilnehmen (Foto: picture alliance/dpa/XinHua | Nidal Eshtayeh).


Das Feiertagsjahr 2022


Im Laufe eines Jahres feiern die Juden viele Feste - von Purim bis Chanukkah. SR 2 KulturRadio erklärt die Hintergrunde der wichtigsten acht Feiertage - in der Reihe "Jüdisches Leben".


Purim, 16./17. März
Am Fest "Purim" feiern die Juden die Errettung des jüdischen Volkes aus der persischen Diaspora. In den Synagogen wird dazu ein fröhlicher Gottesdienst gefeiert, in dem Kinder mit Rasseln und Ratschen möglichst viel Lärm machen dürfen.

Pessach, 15. bis 23. April
Das Pessach- oder Paschafest gehört zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen. Es erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und damit aus der Sklaverei. Es ist in erster Linie ein Familienfest mit verschiedenen Riten und Bräuchen, wie zum Beispiel dem Verzehr von ungesäuerten Broten.

Schawuoth, 4. bis 6. Juni
Der Feiertag entspricht dem christlichen Pfingstfest. 50 Tage nach Pessach wird der erneute Empfang der Zehn Gebote gefeiert. Außerdem wird Schawuoth als Erntedankfest begangen.

Tischa B'av, 6./7. August
Der jüdische Fast- und Trauertag ist der Höhepunkt der dreiwöchigen Trauerzeit. Sie gedenkt der Zerstörung des ersten und zweiten Jerusalemer Tempels.

Rosch Haschanah, 25. bis 27. September
Der jüdische Neujahrstag ist der Jahrstag der Weltschöpfung und der Geburtstag Adams. Der deutsche Wunsch zu Silvester "Einen guten Rutsch!" soll vom Wort "Rosch" abgeleitet sein. Mit dem Feiertag beginnen die zehn "erfurchtsvollen Tage".

Jom Kippur, 4/5. Oktober
Am Ende der zehn Tage der Reue und Umkehr feiern die Juden Jom Kippur, den Versöhnungstag. Er wird als strenger Ruhe- und Fasttag begangen.

Sukkot, 9. bis 16. Oktober
Das "Laubhüttenfest" wird fünf Tage nach Jom Kippur gefeiert. Es ist wahrscheinlich bäuerlichen Ursprungs. Nach der Getreide- und Weinernte ist es auch ein Erntedankfest.

Chanukka, 18. bis 16. Dezember
Das achttägige Lichterfest feiern die Juden zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 164 vor Christus. Weil es in der dunklen Jahreszeit mit vielen Lichtern gefeiert wird, wird es oft mit dem christlichen Weihnachten verglichen.

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