„Die FIFA wurde ihrer Verantwortung in keinster Weise gerecht geworden"

„Die FIFA wurde ihrer Verantwortung in keinster Weise gerecht"

Interview der Woche mit Benjamin Best, ournalist, Filmemacher und Buchautor

Peter Weitzmann / Benjamin Best  

Mit dem Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador wird der Sport auch in der Berichterstattung in Konkurrenz zur Menschenrechtslage im Land treten. Seit Jahren berichtet der WDR-Reporter Benjamin Best darüber. Peter Weitzmann hat mit ihm über die Arbeitsbedingungen in Katar, das Schicksal der Gastarbeiter und ihrer Angehörigen sowie die Verantwortung der FIFA gesprochen.

Die Weltmeisterschaft in Katar ist die wohl umstrittenste seit der in Argentinien 1978 zu Zeiten der Militärdiktatur. Einen langen Atem was das Thema Menschenrechte angeht, hat seit Jahren WDR-Reporter Benjamin Best. Seine Fernsehdokumentation „Gefangen in Katar“ hat die Lage der ausländischen Gastarbeiter vor Ort auch international vor drei Jahren nochmal so richtig ins Bewusstsein gerückt. Derzeit kann man - unter anderem in der ARD-Audiothek - seinen Podcast "Die WM-Sklaven" hören.

Zensur, keine Pressefreiheit

Die Weltmeisterschaft in Katar wird nach Schätzungen am Ende rund 150 Milliarden Dollar kosten. Die Menschen, die die WM-Stadien und die Verkehrswege gebaut haben, erhielten im Durchschnitt 400 Euro im Monat, viele haben die Löhne monatelang aber gar nicht bekommen.

Benjamin Best ist 2019 unangemeldet nach Katar eingereist, „mit geheimen Kameras“ und hat so ungestört drehen können. „Im vergangenen Dezember war es dann völlig anders. Dort war ich offiziell angemeldet, war akkreditiert, wurde verfolgt, wurde observiert, zwei Jeeps mit getönten Scheiben.“ In Katar gibt es eine Zensur, keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit. „Darum ist es extrem schwierig, hinter diese glitzernde Fassade zuschauen. In den offiziellen Vorgaben, die jeder Journalist unterschreiben muss, wird vorgegeben, wo man drehen darf, was man drehen darf. Und sie können sich vorstellen, dass das nicht die Unterkünfte der Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen sind.“

Arbeiter bauten Stadien in größter Hitze

Benjamin Best ist heute noch in Kontakt mit Arbeitern, die seit jetzt drei bis vier Jahren auf ihr volles Gehalt warten. „Wir werden wahrscheinlich nie wissen, wie viele Arbeiter nicht oder zu spät bezahlt wurden.“ Das werde mit Sicherheit ein Erbe dieser Fußball-Weltmeisterschaft sein.

In Katar kann es im Sommer bis zu 50 Grad im Schatten heiß werden. Darum wurde die WM auf den Winter verlegt, weil die Fußballspieler nicht in großer Hitze spielen können. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, so Benjamin Best, haben dagegen in größter Hitze die Stadien und auch die WM-Infrastruktur bauen mussten.

Fragwürdiger Umgang mit den Todesfällen

Katar habe zwar Gesetze erlassen, nach denen es in den heißesten Sommer-Monaten ein Arbeitsstopp gab. Dennoch sei es in den anderen Monaten immer noch sehr heiß, was sich auf die Gesundheit der Arbeiter auswirke.

Es gebe aber keine Hinweise, woran die Arbeiter letztendlich gestorben seien. „Es gibt ja auch keine Obduktion in Katar. Oftmals heißt das“ plötzlicher Herztod“ oder „natürlicher Tod“. Wie sowohl die FIFA als auch die katarischen Behörden mit diesen Todesfällen umgehen, ist extrem fragwürdig.“

Genaue Zahl der Toten nicht ermittelbar

Es sei nicht möglich, genau zu sagen, wie viele Menschen ihr Leben für die WM in Katar gelassen haben. Das liegt aus Bests Sicht daran, dass Katar sich weigert, konkrete Informationen zu Todesopfern bekannt zu geben. Im vergangenen Jahr habe die katarische Regierung immerhin die Zahl von 15.021 Todesopfern veröffentlicht.

„Das ist aber eine totale Zahl. Da sind alle Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen enthalten, die von 2010 bis 2020 in Katar umgekommen sind. Da ist zum Beispiel auch die Chefsekretärin drin. Da ist der Pilot von Qatar Airways drin, der nicht aus Katar kommt. Diese Zahl gibt überhaupt keine Rückschlüsse darauf, wie viele Menschen im Zusammenhang mit WM Baustellen gestorben sind.“ Nach Ansicht von Best vermeidet Katar es bewusst, die Todesopfer auf Baustellen oder von Firmen zu veröffentlichen, die an den Baustellen beteiligt waren.

Verdeckte Recherche in den Camps

Besonders auffällig sei der Gegensatz gewesen. Katar sei einer der reichsten Länder der Welt. In der Innenstadt sehe man glitzernde Hochhäuser. In der Wüste dann die Camps. Es gebe Vorzeige-Camps. Er habe aber Camps gesehen, in den katastrophale Bedingungen für viele Arbeiter geherrscht hätten.

Best hatte in Katar auch verdeckt recherchiert. In den Camps sei die Unterbringung überwiegend menschenunwürdig gewesen. „Ich habe da Situationen erlebt, kleine, dunkle Zimmer, Menschen auf engstem Raum, bis zu zwölf Personen, teilweise ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Menschen, die kaum zu essen hatten. Das waren wirklich extrem verstörende Bilder.“

Pässe weggenommen, Löhne nicht gezahlt

Warum aber haben die Menschen das mit sich machen lassen? Best erklärt das mit dem so genannten Kafala-System, das auf sklavenartigen Verhältnissen beruht. Den Arbeiter würden die Pässe abgenommen, der Lohn verspätet gezahlt, die Menschen würden in die Unterkünfte in der Wüste gesteckt, so dass sie überhaupt keine Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren.

„Es gibt zwar in einem sogenannten Reformprozess ein Beschwerde-Komitee, nur da sind die Wartezeiten so extrem lang.“ Oftmals trauten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht, gegen den Arbeitgeber vorzugehen, weil sie dann riskierten, wieder ohne Geld nach Hause geschickt zu werden.

Das Kafala-System als Wirtschaftsfaktor

Das Kafala-System sei aber nicht nur ein Arbeitssystem, sondern auch ein Wirtschaftssystem, weil viele Unternehmen davon profitierten. „Übrigens nicht nur in Katar, sondern auch in den Entsendeländern.“

Katar habe zuletzt behauptet, dass dieses Kafala-System abgeschafft sei. „Meine Recherchen und auch Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Right‘s Watch zeigen da ein ganz anderes Bild, das auf dem Papier dieses System zwar abgeschafft ist, aber in der Realität noch absolut besteht.“

Entschädigungsfonds gefordert

Viele der verstorbenen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter kommen aus sehr armen Ländern, wie zum Beispiel Nepal. Benjamin Best hat auch dort recherchiert. Er hält es für sehr wichtig, dass es eine Entschädigung für die Hinterbliebenen gibt. Dafür setzen sich auch Menschenrechtsorganisationen ein. Die katarische Regierung habe von einem Werbegag der Menschenrechtsorganisationen gesprochen.

Auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Bernd Neuendorf, hat sich für solch einen Entschädigungsfonds ausgesprochen. Die FIFA hält sich da leider sehr bedeckt. Von daher müsse extrem viel Druck auf die FIFA ausgeübt werden. „In all den Jahren ist die FIFA meiner Meinung nach in keinster Weise ihrer Verantwortung gerecht geworden.“ Es seien ja Menschen gestorben und Tausende auch verletzt worden. Auch sie müssten entschädigt werden.

Menschenrechte spielten keine Rolle

„Mit der Vergabe 2010 haben Menschenrechte überhaupt keine Rolle mehr gespielt.“ Dass der FIFA-Präsident in das Ausrichterland gezogen sei, zeige die besondere Nähe zwischen der FIFA und den katarischen WM-Organisatoren. „Vor wenigen Tagen hat Gianni Infantino noch mal alle 32 Mannschaften per Brief angeschrieben, hat gefordert, dass man sich doch jetzt bitte auf Fußball konzentrieren und dass man sich nicht mehr zu politischen Dingen äußern soll.“

Das zeige sehr deutlich, welche Haltung die FIFA habe und wie die FIFA mit all den kritischen Themen rund um diese Fußball-Weltmeisterschaft umgehen möchte, während der nächsten vier Wochen. „Man möchte nicht darüber sprechen.“

Verbesserungen nur durch Druck

Die FIFA hatte im Vorfeld argumentiert, dass sich durch die Weltmeisterschaft in Katar doch einiges verbessert habe, auch für Gastarbeiter. Das liegt nach Auffassung von Benjamin Best am öffentlichen Druck von Menschenrechtsorganisationen und auch am Druck durch die Medienberichterstattung.

Katar und auch die FIFA hätten sich auf Verbindungen zum Beispiel zur Internationalen Arbeitsorganisation ILO verlassen. Aber auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften. All das sollte ausreichen aus Sicht der Organisatoren. Aber wenn Human Right‘s Watch und Amnesty International nicht wirklich über Jahre immer wieder Berichte heraus gebracht hätte, dann wäre nach Bests Meinung nicht viel passiert.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 19.11.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Benjamin Best (Bildquelle: Mette Photography)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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