„Jetzt sind viel Flexibilität, Initiative, Mut und Investitionen erforderlich"

„Jetzt sind viel Flexibilität, Initiative, Mut und Investitionen erforderlich"

Interview der Woche: Volker Wieland, ehemaliger Wirtschaftweiser

 

Der Wirtschaftswissenschaftler Volker Wieland gehörte neun Jahre lang dem Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen an. Im April dieses Jahres trat er zurück. Yvonne Schleinhege hat mit ihm über die aktuelle Situation gesprochen.

Volker Wieland ist Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie am "Institute for Monetary and Financial Stability" (IMFS) in Frankfurt. Er ist dort auch Geschäftsführender Direktor des IMFS. Bis 2012 war Wieland Professor für Geldpolitik und Geldtheorie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Situation ähnlich wie 1973

Wieland beurteilt die aktuelle wirtschaftliche Lage als sehr schwierig. Die gegenwärtige zweistellige Hochinflation bedeute, dass jeden Tag die Kaufkraft schwinde. Gleichzeitig gebe es eine Energiekrise, die auch für die Unternehmen bedeute, dass sie kämpfen müssten. Strategien seien notwendig, um diese beiden Probleme anzugehen.

Die Situation sei ähnlich wie zur Zeit des Ölpreis-Schocks 1973: eine Inflation, getrieben durch die Energiepreise, eine Rezession. Damals habe die Bundesbank  durch hohe Zinsen dafür gesorgt, dass die Inflation begrenzt worden sei. Auch jetzt gehe kein Weg daran vorbei, dass die EZB die Zinsen deutlich erhöhe, „sodass wir perspektivisch auch wieder positive Realzinsen haben.“

Inflation bereits früher begonnen 

Die Inflation hänge aber nicht nur den Energiepreisen, sie habe schon früher begonnen. „Direkt aus Corona heraus sind wir wegen den Knappheiten und Lieferproblemen, aber auch der sich verändernden Nachfrage zunächst langlebiger  Güter, dann wieder Dienstleistungen in eine Inflation geschlittert.“ Die Notenbank habe viel zu spät reagiert. Jetzt sei die Energiekrise noch hinzugekommen. „Deswegen haben wir zweistellige Raten. Aber die Inflation bleibt uns erhalten, wenn die Notenbank nicht reagiert.“

In der Corona-Krise habe es sehr groß angelegte Hilfsprogramme gegeben. Zum Teil seien sie notwendig gewesen, „aber die stark steigende Staatsverschuldung wurde dann von der Notenbank aufgekauft.“ Dafür habe sie wiederum Geld in Umlauf gebracht. „Also die staatlichen Ausgaben-Stützungsprogramme wurden monetär finanziert.“ Insofern sei es nicht überraschend, dass das die Grundlage für die Inflation gelegt habe.

Schuldenbremse weiter notwendig

Wichtig sei auch, dass die Staatsverschuldung Kontrolle bliebe. „Die Staatsfinanzen müssen stabil bleiben.“ An Großbritannien sei zu sehen, wenn das nicht passiere. „Da wird die Krise nur schlimmer.“ Es sei also richtig, wenn der Finanzminister auf der Schuldenbremse bestehe.

Die aktuelle Geldpolitik hat, so Wieland, jetzt den unangenehmen Job, die Nachfrage zu reduzieren. „Wie schafft sie das? Indem sie die Zinsen erhöht.“ Es sei dann günstiger zu sparen. Es wird in der Folge weniger konsumiert. Damit werde die Konsum- und Investitionsnachfrage zurückgebracht auf das Niveau, das zusammenpasse mit dem reduzierten Angebot. „Das ist kein angenehmer Job. Das ist nicht wie in der Corona-Krise, wo man die Hilfspakete ausrollt. Aber genau deswegen sind die Notenbanken unabhängig.“

Insgesamt als Volkswirtschaft ärmer

Die Gewerkschaften fordern derzeit kräftige Erhöhungen der Tariflöhne. Das sei mehr als verständlich. Diese höheren Kosten für die Unternehmen werden sie nach Ansicht von Wieland, auf die Preise draufschlagen. Das halte die Inflation weiter hoch. Die Lohnsteigerungen sollten mit Augenmaß geschehen. Die Industrie müsse wettbewerbsfähig bleiben. „Das Traurige ist, dass wir natürlich jetzt insgesamt als Volkswirtschaft erstmal ärmer geworden sind, weil wir eben nicht in großem Maße Energie herstellen.“

Deswegen sei es so wichtig, dass die Regierung darauf setze, mehr Energie-Angebote zu schaffen, nicht nur per Importe, sondern auch durch eigene Produktion. Wieland sprach sich dafür aus, Fracking zu erlauben, auch Kernkraftwerke nicht nur ein paar Monate länger laufen zu lassen, sondern wie in Belgien weitere zehn Jahre.

Saarland, Land der kurzen Wege

Das Saarland hat für Wieland eine stolze Geschichte als Industrieland, „und die soll ja auch weitergehen. Ich denke, das wird viel Flexibilität, Initiative, Mut und Investitionen erfordern.“ Der Vorteil sei, dass das Saarland ein kleines kleines Land mit kurzen Wegen sei, „wo man miteinander reden kann, und ich hoffe sehr, dass da die Wege gefunden werden auf einen wieder stärkeren Wachstumspfad.“

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 22.10.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt den ehemaligen Wirtschaftsweisen Volker Wieland. (Foto: picture alliance / Sebastian Gollnow/dpa )


Das Interview der Woche

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