„Die Ökonomisierung der Medizin ist zwar nicht des Teufels, aber sie ist nicht das Allheilmittel"

„Die Ökonomisierung der Medizin ist zwar nicht des Teufels, aber sie ist nicht das Allheilmittel"

Dr. Thomas Jakobs, Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft im Gespräch mit SR-Gesundheitsreporterin Steffani Balle  

Die Kliniken schlagen Alarm: Altbekannte Probleme türmen sich auf und die hohe Inflation im Allgemeinen und die hohen Energiepreise im Speziellen bringen etliche Träger an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert für alle Krankenhäuser Sofort-Hilfe vom Bund. Mit einer Protest-Tour durch alle Landeshauptstädte macht die Krankenhausgesellschaft derzeit auf die Problematik aufmerksam. Diese Woche stand der Protest-Bus in Saarbrücken an der SHG-Klinik Sonnenberg.

Die Krankenhäuser haben stehen unter Druck, erläutert Thomas Jakobs. Zum einen ist die Covid-Pandemie noch nicht vorbei. Es gibt zudem keinen Rettungsschirm mehr. Es herrscht Personal- und Fachkräftemangel. Die hohe Inflation und die galoppierenden Energiepreise tun ihr Übriges. Für all das gibt es im Augenblick keine Lösung, weil es festgelegte Preise gibt. „Das heißt, wir können jetzt im laufenden Jahr die gestiegenen Kosten nicht an die Kostenträger, die Krankenkassen, weitergeben.“

Keine Rücklagen mehr möglich

Für die Krankenhäuser im Saarland heiße das: Bei einem Gesamt-Budget von etwa einer Milliarde Euro bedeuten bis zu zehn Prozent Mehrkosten bis zu 100 Millionen Euro nicht refinanzierte Mehrausgaben. Die Liquidität gehe den Krankenhäusern aus und auch ihre Finanzierungsbasis für die Zukunft. Krankenhäuser bräuchten ja eine Rücklage, damit sie beispielsweise bei Investition in Großgeräte oder auch bei baulichen Investitionen ihren Eigenanteil stemmen könnten. „Der liegt gegenwärtig bei gut 50 Prozent. Und wir alle brauchen eine gute Krankenhauslandschaft, das heißt gut qualifiziertes Personal, aber natürlich auch moderne Technik.“

Gesetzgeber verlangt Trägervielfalt

Im Saarland gibt es derzeit 26 Kliniken. Die Planungshoheit hat das Land, das vergangenes Jahr den Krankenhausplan überarbeitet hat. Er gilt nun bis 2025. Darin hat das Land definiert, an welchen Standorten welche Fachabteilungen in den Krankenhäusern notwendig sind und welche Kapazitäten, sprich Behandlungsplätze und Betten dafür auch vorgehalten werden sollen.

Natürlich könne über Umstrukturierungen, Spezialisierungen und Schwerpunktbildungen nachgedacht werden. „Aber wir müssen es immer auch sehen im Zusammenhang mit den Trägern. Und der Gesetzgeber hat ausdrücklich gesagt, wir wollen eine Trägervielfalt.“

Was ist medizinisch notwendig?

Drei Krankenhäuser im Saarland sind in privater Trägerschaft. Sie haben einen geringen Bettenanteil. Die anderen sind entweder frei gemeinnützig, kirchlich oder wie das Deutsche Rote Kreuz, ein Wohlfahrtsverband. Dann gebe es eine öffentlich-rechtliche Trägerschaft, etwa über die Bundesknappschaft oder die SHG. Schließlich eine Landesträgerschaft wie beim Kreiskrankenhaus Sankt Ingbert, dem Klinikum Saarbrücken oder auch dem Universitätsklinikum.

„Das ist jetzt die Kunst zu sagen was ist denn medizinisch notwendig? Und was ist aber auch mit Blick auf die Bevölkerung von einer wohnortnahen Versorgung her sinnvoll?“ Es könne nicht alles auf einen Standort konzentriert werden. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die Begleitung von Patientinnen und Patienten durch ihre Angehörigen gerade bei schweren Erkrankungen ungeheuer wichtig sei. „Weil das soziale Umfeld, weil die Familie, weil die Angehörigen dann dem Patienten auch den Lebensmut erhalten können, damit er die Kraft hat, auch seine schwere Erkrankung zu überwinden.“

Patient im Mittelpunkt

Es sei nicht so, dass die Ärzte und Pfleger die Patienten „irgendwie gesund“ machten. Der Patient stehe im Mittelpunkt, „das ist vielleicht in der Vergangenheit nicht ganz so stark gesehen worden“. Genauso wichtig sei die Autonomie des Patienten, dass er entscheide, was mit ihm geschehe, und in welches Krankenhaus er gehe. Daher brauche es mehrere Krankenhäuser mit unterschiedlichen Ausrichtungen, die sich gegenseitig ergänzten.

Es sei die Aufgabe eines Krankenhausplans, dafür zu sorgen, dass diese Krankenhausversorgung, die von einer Reihe von Trägern erbracht werde, auch ineinander verzahnt sei „zum Wohle und Besten der Menschen hier im Land“.

Ruinöser Wettbewerb

Andererseits ist es für Jakobs nicht notwendig, dass an acht oder neun Standorten im Saarland etwa eine Knie-Operation möglich ist. Es müsse die leichte Erreichbarkeit mit der Erfahrung abgewägt werden. Allerdings seien die vorgeschriebenen Mindestmengen an Operationen, die vom gemeinsamen Bundesausschuss definiert worden seien, „gelinde gesagt blind, gegriffen. Was man weiß, dass mehr Erfahrung letztlich ein besseres Behandlungsergebnis bedeutet. Aber wann beginnt das Mehr an Erfahrung? Darüber streiten sich bis heute die Fachleute“.

Als 2004 das Fallpauschalensystem eingeführt wurde, sei geglaubt worden, das führe zu mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Krankenhäusern und zu einer Verbesserung der Patientenversorgung sowie der Qualität. Heute müssen wir feststellen, dass dieser Wettbewerb ruinös ist, weil alle versuchen, die Rosinen zu picken, mit denen sie auskömmlich wirtschaften können und letztlich auch die Defizite, die in anderen weniger lukrativen Bereichen entstehen, dann auch noch gegenfinanzieren. Die Ökonomisierung der Medizin ist zwar nicht des Teufels, aber sie ist nicht das Allheilmittel.“

Ökonomische Frage an zweiter Stelle

Nach Ansicht von Thomas Jakobs muss mehr auf die Behandlungsnotwendigkeiten und auf die Versorgungsnotwendigkeit gesehen werden. Die ökonomische Frage dürfe nur an zweiter Stelle stehen. Außerdem sei die Aufteilung in einen stationären Bereich, also Krankenhäuser, und einen ambulanten Bereich, der von den Vertragsärzten über die Kassenärztlichen Vereinigungen gewährleistet werde, zwar historisch gewachsen, auf Dauer aber in dieser Stringenz nicht mehr aufrechtzuerhalten.

„Weil wir sowohl im Krankenhausbereich als auch im niedergelassenen Bereich den Personalmangel jetzt schon spüren und für von daher neue Versorgungsstrukturen uns überlegen müssen.“ Das aber im mit Blick auf den Patienten. „Weil ich bei einer ambulanten OP ihr auch sicherstellen muss, dass die Nachversorgung gewährleistet sein muss.“

Gesundheitspark Wadern eine Mischform

Der Gesundheitspark, der derzeit in Wadern entsteht, ist für Thomas Jakobs eine Brücke zwischen der „Ambulantisierung der Krankenhäuser“ und der Versorgung im vertragsärztlichen Bereich durch die niedergelassenen Ärzte. „Also eine Mischform, die gut überlegt und gut gemanagt werden muss. Aber ich denke, dass die Kollegen bei der SHG genügend Expertise haben und auch gut vernetzt sind im niedergelassenen Bereich, dass das gelingen wird.“

Forderungen an die Bundesregierung

  • schnell und unkompliziert ein Inflationsausgleich, damit die Liquidität der Krankenhäuser erhalten bleibt.
  • eine Neuregelung der Landesbasisfallwerte. Auch die Kostensteigerungen müssten mit einbezogen werden.
  • einen Abbau der Bürokratie und der Bürokratielasten sowohl für die Ärzte als auch  für die Pfleger,“ weil das wertvolle Zeit stiehlt, die sie besser am Patienten verbringen“. Der Marburger Bund habe vor wenigen Tagen eine Umfrage präsentiert. „Darin heißt es, dass Ärzte im Schnitt drei Stunden am Tag nur mit Verwaltungsarbeit beschäftigt sind. Bei Pflegerinnen und Pflegern sieht es nicht viel anders aus. Das muss ein Ende haben“.
  • die Digitalisierung möglichst schnell und möglichst unkompliziert.
  • Maßnahmen, die dazu helfen, dass die pflegerische Versorgung gut gewährleistet werden kann. „Aber wir brauchen keine Restriktionen, die dann greifen, wenn unverschuldet das Krankenhaus einen bestimmten Personalschlüssel nicht einhalten kann. Sondern da brauchen wir flexiblere Lösungen und deswegen die dringende Bitte an die Politik, mit mehr Augenmaß und mehr Realitätssinn mit Blick auf die Einrichtungen auf die Krankenhäuser dann auch Gesetze zu machen.

Weitere Informationen

Evangelisches Krankenhaus wird geschlossen
Jung kündigt Gespräch mit Kreuznacher Diakonie an
Der saarländische Gesundheitsminister Jung (SPD) hat angekündigt, sich in der kommenden Woche mit der Leitung der Kreuznacher Diakonie zusammenzusetzen. Hintergrund ist die Schließung des evangelischen Krankenhauses in Saarbrücken, die der Träger am Freitagabend bekannt gegeben hatte.


Ankündigung des Trägers
Evangelisches Stadtkrankenhaus wird geschlossen
Das Evangelische Stadtkrankenhaus in Saarbrücken soll schließen. Das hat der Träger, die Kreuznacher Diakonie, am Freitag bekannt gegeben. Die Gründe seien "hohe betriebswirtschaftliche Verluste" und "fehlende Perspektiven".

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 17.09.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt den Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft, Dr. Thomas Jakobs. (Foto: Steffani Balle/SR)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja