Interview der Woche: „Wir haben seit 1748 die keramische Welt geprägt“

„Wir haben seit 1748 die keramische Welt geprägt“

Interview der Woche mit dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden von V&B, Wendelin von Boch-Galhau

Jan Henrich   20.08.2022 | 08:53 Uhr

Villeroy & Boch ist einer der weltweit strahlenden Namen der saarländischen Industrie und eine Familiengeschichte. Auch wenn die Familie sich mittlerweile aus dem Vorstand der Aktiengesellschaft zurückgezogen hat: Sie hält die Geschicke des Konzerns weiter fest in der Hand. Wendelin von Boch, der bislang letzte von Boch auf dem Chefsessel ist am 27. August 80 Jahre alt geworden. SR-Reporter Jan Henrich sprach mit ihm über Tradition, Familie und Unternehmertum.

Wendelin von Boch-Galhau ist am 26. August 80 Jahre alt geworden. Bis vor wenigen Jahren war er an der Spitze des Aufsichtsrates des Keramikkonzerns Villeroy & Boch. Den Vorstandsvorsitz hat er abgegeben. Im operativen Geschäft sind heute seine Söhne tätig. Wendelin von Boch kümmert sich heute vor allem um Land- und Forstwirtschaft.

Video [aktueller bericht, 26.08.2022, Länge: 3:09 Min.]
Wendelin von Boch ist 80 geworden

Keine Zukunft ohne Tradition

Tradition, sagt Wendelin von Boch, sei ihm sehr wichtig. Ohne sie sei keine Zukunft möglich. Das werde bei den Bochs seit acht, neun Generationen gelebt. In den 250 Jahren, in denen das Unternehmen von der Familie geführt worden sei, habe es immer einen großen Zusammenhalt gegeben.

 „Meine Vorfahren, auf die ich sehr stolz bin, waren kreativ. Die waren unternehmerisch, die waren innovativ. Die haben sich immer wieder neue Dinge ausgelacht, viele Erfindungen gemacht. Wir haben die keramische Welt geprägt, muss man sagen, jetzt schon seit 1748.“

Im Saarland verwurzelt

Das sei sein Antrieb gewesen, habe ihn immer beseelt. Auch, dass seine Vorfahren immer sehr sozial eingestellt gewesen seien. „Das war für mich auch eine Maxime, dass ich immer ein Herz hatte für diejenigen, die eigentlich das alles mit aufgebaut und die zum Erfolg geführt haben.“

Wendelin von Boch sieht sich sehr verwurzelt und verbunden mit dem Saarland. Im Saarland ging er zur Schule, studierte in St. Gallen in der Schweiz Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Im Saarland hat er viele Ämter bekleidet und „immer versucht, den saarländischen Standpunkt, so gut ich konnte, zu verteidigen und im Interesse des Saarlands zu wirken.“

Globalisierung im Mittelpunkt

Im Vorstand von Villeroy & Boch ist kein Familienmitglied mehr vertreten, „was ich für richtig halte“. Wenn eine Firma für die hohen Standards, die heute notwendig seien, eine geeignete Person habe, sei es seiner Meinung nach besser, wenn die Familie in Beiräten, Aufsichtsräten und im Gesellschafterausschuss vertreten sei.

In seiner aktiven Zeit stand für Wendelin von Boch die Globalisierung im Mittelpunkt. „Mir war klar, dass wir hier in diesen nationalen Befindlichkeiten à la longue nicht überleben können, dass wir also weltweit unterwegs sein müssen.“ Ausgehend vom Nukleus eines deutsch-französischen Unternehmens an der Saar und dann auch in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Firma sich nach Europa weiter entwickelt, später dann auch nach Asien und Amerika.

Europa müsse zusammenstehen

Die Globalisierung hat, so Wendelin von Boch, Deutschland sehr viel Wohlstand gebracht. Das sei seine Maxime gewesen. Seine Erfahrung jetzt sei, dass alles zurückfalle in mehr nationales Denken. „Das heißt also Protektionismus, Abschottung.“

Mit Blick auf den Brexit meint Boch, zeige sich, dass Nationalismen wieder Platz griffen. „Das ist schon mal ein Rückschritt gewesen. Aber ich glaube nicht, dass im Kern Europas, mit Frankreich, Italien, Spanien, den Benelux, dass es da einen Schritt zurückgehen wird. Wir haben ja gar keine Wahl. Also wenn wir da nicht zusammenstehen, dann gehen wir sowieso unter.“ Gegen die großen Blöcke China und USA könnten die einzelnen europäischen Staaten gar nicht überleben. Sie müssten zusammenzuarbeiten, zusammenhalten und auch arbeitsteilig unterwegs sein.

Bedauern über die Schließung des Fliesenwerks

Zur Schließung des V&B-Fliesenwerks in Merzig sagte Boch, das sei sicher kein gutes Beispiel einer nach vorne gerichteten Politik. Das Unternehmen gehört nicht mehr zum Konzern, sondern zu einem türkischen Keramikhersteller. Das Werk sei vor zwölf Jahren abgegeben worden.

„Aber natürlich ist es bedauerlich für den Standort, dass da so viele Arbeitskräfte ihren Job verlieren und wir alle der Hoffnung haben, dass sie relativ schnell wieder in Arbeit und Brot kommen werden. Aber das hat mit Villeroy & Boch jetzt eigentlich nichts mehr zu tun.“

V&B setzte damals auf Sanitär und Tischkultur

Die Entscheidung, das Werk abzugeben, fiel aber in von Bochs Zeit. 2007 habe es ein großes strukturelles Problem gegeben. „Unsere Entscheidung war, auf die auf die beiden Pferde Sanitär zu setzen und auf Tischkultur. Uns schien die Kombination mit diesem türkischen Partner zukunftsversprechend.“

„Die haben Werke in der Türkei, wo sie unter ganz besonders guten Bedingungen herstellen können. Und das in Kombination mit der Marke und dem Standort hier schien eine zukunftssichere Option zu sein. Deswegen haben wir das gemacht.“ Das türkische Unternehmen habe auch viel investiert. Von Boch, sagt er, sei damals nicht auf die Idee gekommen, dass dieses Werk nur begrenzt überleben werde.

Das Saarland könne wirtschaftlich weiter sein

Für Wendelin von Boch liegt das Saarland wirtschaftlich weit hinter dem bundesweiten Schnitt. Ein wichtiger Punkt sei, dass das Saarland als Industriestandort von der Automobilindustrie und der Automobilzulieferung getragen werde. „Und wir wissen alle, dass mit Auslauf des Verbrennungsmotors eine totale Restrukturierung stattfinden muss. Sonst und wird das Saarland dieser Form nicht überleben können.“

Von Boch wünscht sich sich mehr Technologieoffenheit. Außerdem sei das Saarland verkehrstechnisch schlecht angebunden. Unternehmen hätten große Probleme, Fach- und Führungskräfte zu bekommen.

Chancen in der Großregion würden nicht wahrgenommen

Was die deutsch-französische und die Verbindung nach Luxemburg angehe, würden die Chancen nicht wirklich wahrgenommen. Er habe nicht den Eindruck, dass die Frankreich-Strategie der früheren Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in ihrer Umsetzung wirklich funktioniert habe. Dabei halte er das für einen Schlüssel für die Weiterentwicklung der Region.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 27.08.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Wendelin von Boch. (Foto: SR)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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