Martin Schlechter, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Saarland  (Foto: IMAGO / Becker&Bredel)

"Es werden große Aufgaben zu lösen sein"

Ein Gespräch mit Martin Schlechter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes e.V. (ME Saar) und der Unternehmensverbände (VSU).

Yvonne Schleinhege. Onlinefassung: Christian Leistenschneider  

Die neue Landesregierung muss die Weichen für einen großen Strukturwandel im Saarland stellen. Im SR 2-Interview der Woche bietet Unternehmensvertreter Martin Schlechter eine enge Zusammenarbeit an, warnt die Politik aber vor einem zu starken Eingreifen in wirtschaftliche Belange.

Sendung: Samstag 30.04.2022 12:45

Die neue Landesregierung ist im Amt, und sie hat "große Aufgaben zu lösen". Das sagt Martin Schlechter, Geschäftsführer der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU) und Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar), im SR 2-Interview der Woche. Vor allem die Themen Dekabonisierung, Digitalisierung, Demografie und Globalisierung stellten das Land, die Politik und die Wirtschaft vor große Herausforderungen. "Das Schlagwort dazu sollte besser Strukturwandel als Transformation sein, das ist ergebnisoffener", sagt Schlechter. "Denn keiner weiß, wo die Reise hingeht."

"Schlagseite" im SPD-Programm

Dass die SPD, die nicht unbedingt als arbeitgebernah gilt, den Strukturwandel in einer Alleinregierung bewältigen soll, beunruhige ihn per se nicht: "Wichtiger ist, welche Politik betrieben wird", sagte Schlechter. Gleichwohl habe das Wahlprogramm der Sozialdemokraten eine gewisse "Schlagseite": "Beispielsweise sollen die Mitbestimmungsrechte der Mitarbeiter deutlich ausgeweitet werden. Es ist sicherlich wichtig, die Mitarbeiter mitzunehmen. Aber wenn es um wirtschaftliche Entscheidungen geht, etwa in welche Produkte oder Prozesse Unternehmen ihr Geld investieren sollen, kann ein zu starkes Eingreifen Investoren leicht abschrecken."

Allgemein warnte Schlechter die Politik davor, ihr Handlungsfeld zu weit auszudehnen. Tarifverträge etwa seien Sache der Tarifparteien, also der Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften. "Wir hoffen, dass die Tarifautonomie respektiert wird."

Seine Kritik zielt etwa auf das Fairer-Lohn-Gesetz, dort sei die Landesregierung einem "Trugschluss" erlegen: "Sie erstreckt damit Tarifverträge, die einige aushandeln, auf ganz viele andere und erhofft sich damit mehr Tarifbindung. Das ist aber keine Tarifbindung, sondern gesetzliche Vorgaben." Ein solches Vorgehen könnte die Gewerkschaften eher schwächen, weil ihr Nutzen damit infrage gestellt würde.

"Mit dem Fairer-Lohn-Gesetz war das Saarland vielleicht Pionier, aber nicht im guten Sinne", sagte Schlechter. "Das ist ein Thema, das über die Landesgrenzen hinaus wirkt, und das Saarland für Investitionen nicht unbedingt attraktiver macht."

"Es werden große Aufgaben zu lösen sein"
Audio [SR 2, Yvonne Schleinhege, 30.04.2022, Länge: 26:43 Min.]
"Es werden große Aufgaben zu lösen sein"

SPD-Entscheidung entspricht Verbandsforderung

Die neue SPD-Regierung hat allerdings mit einer ihrer ersten Entscheidungen auch eine Forderungen des Verbandes von vor der Wahl umgesetzt: Die Trennung von Wirtschafts- und Arbeitsministerium. "Das war eine gute Entscheidung. Da gibt es einen Interessensgegensatz, der schwer aufzulösen ist in einem Hause." Auch dass das Thema Strukturwandel zentralisiert und zur Chefinnensache gemacht wurde, begrüße der Unternehmensverband. Ebenso, dass die Strukturwandelinitiative wieder gestärkt werden soll. "Bei dem Thema ist nicht nur die Politik gefragt, sondern alle Akteure im Land müssen am Tisch sitzen.

Damit der Strukturwandel gelinge, müsse die Politik die geeigneten Rahmenbedingungen setzen, dürfe sich aber nicht zu sehr im Klein-Klein verlieren: "Viele Jahrzehnte Marktwirtschaft haben gezeigt, dass die Akteure am besten wissen, wie so was funktioniert, auch durch Trial-and-Error. Dazu gehörten auch Fehlversuche: Geschäftsmodelle, die sich am Markt nicht durchsetzen. Wenn die Politik viel Geld auf ein Pferd setzt, dass vom Markt nicht angenommen wird, hat man ein Problem."

Aufgabe des Staates sei etwa, eine gute Infrastruktur sicherzustellen: Straßen, Digitales, aber auch ein Flughafen und eine gute Bahnanbindung. Das Thema sei Bildung zentral. Aber sie müsse der Wirtschaft auch flexible Instrumente wie Befristungsmöglichkeiten erlauben, um auf Marktschwankungen reagieren zu können, forderte Schlechter.

Gefahr für Saar-Wirtschaft durch Gasembargo

Eine Gefahr für die Saar-Wirtschaft sieht Schlechter in einem möglichen Gasembargo, das sich durch den Krieg in der Ukraine ergeben könnte. Ein Gaslieferstopp hätte massive Auswirkungen auf die deutsche und auf die Saar-Wirtschaft, so Schlechter. Modelle, die das als nicht so dramatisch beschreiben, würden die Komplexität der Liefer- und Wertschöpfungsketten verkennen.

"Im Saarland arbeiten beispielsweise Autozulieferer im Bereich der Metallverformung. Wenn die kein Gas mehr haben, um ihre Teile herzustellen, können die nicht mehr produzieren", sagt Schlechter. Wegen der Komplexität der Lieferketten würden Einbrüche in der Wirtschaft auch nicht wieder so schnell hochzufahren sein, wie im Zuge der Corona-Pandemie. "Da könnte es eine Verlagerung von Produktionsstandorten geben, die auch nicht wieder zurückkommen."

Hohe Tarifforderungen könnten Inflation anheizen

Schlechter ist auch Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes. In der Branche gibt es im Herbst 2022 Tarifverhandlungen. Gewerkschaften in anderen Branchen haben wegen der hohen Inflation schon hohe Lohnsteigerungen in den Raum geworfen. Das sei zwar verständlich, könnte aber zu großen Problemen führen, warnt Schlechter.

"Es muss einen verantwortungsvollen Mittelweg geben, weil sonst ein großes volkswirtschaftliches Risiko entsteht", sagte Schlechter im SR 2-Interview. "Wenn die Unternehmen die Lohnsteigerung in höhere Preise abwälzen, wird die Inflation weiter angeheizt. Außerdem müssen auch die Unternehmen sehr viel höhere Energiepreise zahlen. Wenn sie dann auch noch von hohen Entgeltforderungen in die Zange genommen werden, steht auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie auf dem Spiel."

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 30.04.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt Martin Schlechter (Foto: IMAGO / Becker&Bredel)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

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