Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)

"Die jüdischen Gemeinden bieten allen Geflüchteten Hilfe an"

Ein Gespräch mit Dr. Josef Schuster vom Zentralrat der Juden

  16.04.2022 | 12:50 Uhr

In den 105 jüdischen Gemeinden in Deutschland wird derzeit das Pessach-Fest gefeiert. Das ist eines der Themen, über die Esther Saoub mit Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, gesprochen hat.

Sendung: Samstag 16.04.2022 12:45 Uhr

Auszug der Israeliten aus Ägypten

Nur selten fallen wichtige religiöse Feste von Juden, Christen und Muslimen so nah zusammen wie an diesem Wochenende: Pessach, Ostern, Ramadan, drei Hochfeste der drei Weltreligionen.

Das Pessachfest war somit Thema der Abteilungsleiterin "Religion und Welt" beim SWR, Esther Saoub, mit den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster. Das mehrtägige Fest erinnert an die Befreiung des jüdischen Volkes und den Auszug aus Ägypten.

Außerdem ging es darum, warum Schusters Ansicht nach die Corona-Pandemie den Antisemitismus in Deutschland verstärkt hat sowie um den Krieg gegen die Ukraine und die Folgen für die jüdische Bevölkerung.


Im Interview der Woche: Dr. Josef Schuster
Audio [SR 2, Esther Saoub, 16.04.2022, Länge: 15:00 Min.]
Im Interview der Woche: Dr. Josef Schuster


Hilfe für alle Geflüchteten

In nahezu allen 105 jüdischen Gemeinden in Deutschland hätten sich sich Geflüchtete gemeldet, sagt Schuster. Exakte Zahlen gebe es nicht. Die meisten seien jüdischen Glaubens, es würden aber auch andere aufgenommen. Die Frage nach der Religion stelle sich nicht. Die Geflüchteten bräuchten zunächst ein Dach über dem Kopf und Lebensmittel. Dafür arbeiteten die jüdischen Gemeinden eng mit den Kommunen zusammen.

Insgesamt gab es bislang rund 45.000 Menschen jüdischen Glaubens in der Ukraine. Wie viele davon geflüchtet seien, darüber gebe es keine exakten Zahlen. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten, egal welchen Glaubens, so Schuster, wollten so bald wie möglich wieder zurück in die Ukraine. Den Menschen in der Ukraine selbst helfe derzeit der "European Jewish Congress", der Dachorganisation der jüdischen Gemeinden und Ländervertretungen.

Antisemitismus habe zugenommen

Der Antisemitismus spiele im Zentralrat "leider" weiter eine große Rolle. Dabei sei es nicht die Aufgabe des Zentralrats, den Antisemitismus zu bekämpfen. Das sei eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft. Der Zentralrat müsse aber immer wieder mahnend seine Stimme erheben.

Seit Beginn der Corona-Pandemie habe er einen Anstieg des Antisemitismus fest gestellt. Das sei nicht neu. Seit dem Mittelalter würden besonders Phänomene im gesundheitlichen Bereich, die sich die Bevölkerung nicht richtig erklärten könne, zunächst mal einer Minderheit angelastet.

Die Corona-Pandemie sei von rechtsradikalen Kreisen sehr stark ausgenutzt. Diese hätten die Corona-Leugner-Szene entsprechend unterwandert. Vor allem dort sehe er eine klare Zunahme von Antisemitismus.

Zweideutige Äußerungen der AfD

Die AfD sei geübt darin, zweideutige Aussagen zu tätigen, die eindeutig gemeint, aber nicht justiziabel seien. Schuster ist überzeugt, dass die Parlamentarier selbst sehr gut verstanden haben, "wes Geistes Kind" die Vertreter der AfD in ihrer überwiegenden Anzahl seien.

Die Frage sei allerdings, welche Auswirkungen solche Äußerungen auf die Bevölkerung hätten. "Ich glaube, da wurde lange Zeit nicht verstanden, welche Überlegungen sich hinter solchen Äußerungen von AfD-Funktionären verbergen".

Interreligiöse Begegnungen

Das Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ist verlängert worden. Es gibt also weiterhin zahlreiche Veranstaltungen von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen. Schuster ist auch der Präsident des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Da freut er sich auf den nun für Mai geplanten Festakt der bayerischen Staatsregierung.

Schon vorher gab es das Projekt "Meet a Jew", das Begegnungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Jugendlichen in Schulen, Berufsschulen, Universitäten oder Kirchengemeinden ermöglicht. 100.000 Menschen jüdischen Glaubens lebten in Deutschland. Bei 83 Millionen Einwohnern sei klar, dass viele noch nie Juden oder Jüdinnen getroffen hätten.

Die Jugendlichen etwa stellten dann fest, dass ihre jüdischen Altersgenossen die selben Probleme hätten wie sie. Dass sie etwa genauso darunter gelitten hatten, in der Pandemiezeit nicht ausgehen zu können.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 16.04.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt Dr. Josef Schuster (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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