"Die Menschen in Frankreich mögen Angela Merkel"

"Die Menschen in Frankreich mögen Angela Merkel"

Das Interview der Woche mit der Historikerin und Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix

Onlinefassung: Lisa Huth. Mit Informationen von Carolin Dylla   06.11.2021 | 13:00 Uhr

SR-Reporterin Carolin Dylla hat mit der Historikerin und Poitikwissenschaftlerin Professorin Dr. Hélène Miard-Delacroix über 16 Jahre Kanzlerschaft Merkel gesprochen - und darüber, wie sie in Frankreich wahrgenommen wurde.

Sendung: Samstag 06.11.2021 12:45 Uhr

"Vive Mutti", „Es lebe Mutti“, riefen viele Schaulustige, die während des Abschiedsbesuchs der Kanzlerin in Beaune im Burgund hinter den Absperrgittern warteten. Unter Missachtung des offiziellen Programms zogen der Gastgeber, Präsident Emmanuel Macron, und Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Bad in der Menge in die Länge. Für die Politikwissenschaftlerin Hélène Miard-Delacroix steckt in dieser Szene und auch in der späteren Abschiedsumarmung viel Symbolik drin, dazu Sympathie, die die scheidende Kanzlerin für den jüngeren Staatspräsidenten spürte.

Zeitweise als hart und herzlos empfunden

Bundeskanzlerin Angela Merkel war in Frankreich nicht immer mit dieser Begeisterung aufgenommen worden. Zeitweise, so Hélène Miard-Delacroix, wurde sie als hart und herzlos empfunden. Unter anderem wurde ihr nach der Finanzkrise 2008 eine harte Haltung in der Euro- und Schuldenfrage vorgeworfen. Dennoch habe sie es geschafft, sich Respekt und Bewunderung zu erarbeiten, für ihre Art und ihre Beständigkeit in der Politik.  

Merkel stehe für Stabilität innerhalb Europas. Anfangs wurde sie allerdings, auch von Emmanuel Macron, als unbeweglich gesehen. 2017 hatte er seine Ideen für eine Reform der Europäischen Union präsentiert. Von Deutschland kam damals keine Antwort. Überhaupt habe sie wenige Vorschläge für Europa gemacht. „Insofern war es eine Enttäuschung für den Präsidenten.“

Zusammenarbeit auf vielen Ebenen

Im Laufe der Zeit habe sich das Verhältnis zwischen den beiden dann eingespielt. Während der Corona-Pandemie gab es eine enge Zusammenarbeit, unter anderem beim europäischen Hilfsfonds zur Bekämpfung der Folgen der Corona-Pandemie. Und auch beim Brexit sei der deutsch-französische Zusammenhalt von Bedeutung gewesen, meint Miard-Delacroix.

Der Aachener Vertrag von 2019, als Erneuerung des Elysée-Vertrages sei mehr als ein Symbol gewesen, findet die Politikwissenschaftlerin. Das deutsch-französische Bürgerforum fördere Initiativen auf der Ebene der Zivilgesellschaft. „Da ist ziemlich viel passiert.“ Die Themen Digitalisierung, grenzüberschreitende Zusammenarbeit seien wichtig, es gebe eine Zusammenarbeit der Parlamente, eine im Bereich der Waffen, der Verteidigung. Wegen der Pandemie sei alles ein bisschen ins Stocken geraten, darum könne man nicht nach zwei Jahren darüber urteilen, ob es gut oder schlecht gelaufen sein.

Merkel und Sarkozy wie Wasser und Feuer

In den 16 Jahren Kanzlerschaft hatte Angela Merkel mit vier Präsidenten zu tun. Zuletzt mit Emmanuel Macron, davor Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande. Nach Ansicht von Miard-Delacroix bestand das beste Verhältnis mit Emmanuel Macron. Das habe aber mehr an ihm gelegen als an ihr.

Merkel und Sarkozy seien wie Wasser und Feuer gewesen. Sie hätten trotzdem zusammen gearbeitet, „weil es eine Krise gab“. Wiederum eine Krise, dieses Mal der Terrorismus, habe die Zusammenarbeit mit François Hollande „irgendwie erzwungen hat“.

Scholz muss Engagement zeigen

Nach diesen 16 Jahren schauen nach Auffassung von Dr. Hélène Miard-Delacroix die Franzosen hier ein bisschen Sehnsucht hinterher. Allerdings gehe es jetzt um Zukunftsfragen. „Ich glaube, dass von dem Nachfolger von Angela Merkel, also höchstwahrscheinlich Olaf Scholz, und seiner Regierung erwartet wird, dass er schnell handelt, dass er nicht herumeiert wegen der schwarzen Null.“ Diese sei aus französischer Sicht unsäglich oder sogar gefährlich. Von Scholz werde Engagement erwartet, das die deutschen und französischen Interessen kompatibel mache.

Carolin Dylla aus der SR Landespolitik-Redaktion (Foto: SR / Pasquale D Angiolillo)
Carolin Dylla (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Die breite Bevölkerung kenne Scholz allerdings wenig. Diejenigen, die sich auskennten, hielten ihn für einen zuverlässigen Partner. Außerdem für einen, der 2020 bereit gewesen sei, die aus französischer Sicht sture Position der Bundesrepublik zu revidieren. „Ich glaube, dass viele sehr genau wissen, dass nicht er allein entscheiden kann und vor allen, dass er Regierungschef einer Koalition sein wird, in der er unterschiedliche Tendenzen zusammenzubringen muss.“


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 06.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Hélène Miard-Delacroix (Foto: Alain Mandel).


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja