Portraitfoto: Clemens Fuest (Foto: ifo Institut)

Ifo-Chef Clemens Fuest über den Wandel der Wirtschaft

Das Interview der Woche mit Clemens Fuest, dem Leiter des ifo Instituts, München

Onlinefassung: Rick Reitler. Mit Informationen von Janek Böffel.   29.10.2021 | 12:45 Uhr

Der Chef des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest, geht davon aus, dass die Stahlindustrie in Deutschland erhalten bleibt, aber auf "grünen Stahl" umgestellt wird. Im Interview der Woche sprach er u. a. auch über die allgemeine konjunkturelle Lage, über den ökologischen Wandel und über die Finanzierung der Ampel-Pläne.

Sendung: Samstag 30.10.2021 12:45 Uhr

Der Chef des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest, rechnet damit, dass die Stahlindustrie in Deutschland erhalten bleibt und auf "grünen Stahl" umgestellt wird. Er warnt im SR-Interview allerdings vor langfristigen Folgen, wenn durch den Strukturwandel wegfallende Jobs nicht durch ähnlich gut bezahlte ersetzt werden. Darunter könnte die ganze Region leiden, sagte Fuest im Interview der Woche mit SR-Reporter Janek Böffel.

"Grüner Stahl" für das Saarland?

Im Interview: Clemens Fuest
Audio [SR 2, Janek Böffel / Clemens Fuest, 30.10.2021, Länge: 16:56 Min.]
Im Interview: Clemens Fuest

Der Wandel hin zu grünem Stahl sei tatsächlich möglich, auch im Saarland, so Fuest. Es sei am Ende "eine politische Frage". Er rechne damit, dass sich die Politik am Ende einigen werde, Stahlproduktion in Deutschland zu halten. Die Rahmenbedingungen müssten dabei so gestaltet werden, dass sich Investitionen in Stahl auch langfristig lohnten. Allerdings dürfe aus der deutschen Stahlindustrie kein Dauersubventionsbetrieb werden, forderte Fuest.

Bei der Autoindustrie stehen laut Berechnungen des Ifo-Instituts durch den Wandel zur E-Mobilität deutschlandweit 100.000 Arbeitsplätze auf der Kippe. Das sei bundesweit zu kompensieren. Das Problem sei, dass diese Arbeitsplätze regional konzentriert seien - auch im Saarland. Hier ähnlich gut bezahlte Jobs zu schaffen, wie jene die wegfielen, sei schwierig. Das treffe dann die ganze Region, weil Steuereinnahmen und Wortschöpfung fehlten. Das könne am Ende dazu führen, dass junge Menschen abwanderten.

Neue Schulden für Ampel-Pläne?

Fuest rechnet damit, dass die Ampel-Koalition neue Schulden aufnehmen wird: "Man wird im Rahmen dessen, was die Schuldenbremse erlaubt, auch mehr Schulden machen. Da sind die Spielräume vielleicht doch größer als die Öffentlichkeit diskutiert", sagte Fuest. Man müsse allerdings im Blick halten, was verfassungsgemäß möglich ist: "Die Spielräume sind nicht unendlich groß". Die Ampel-Koalition müsse sich aber erst über ihre genauen Pläne und die dafür notwendigen Ausgaben im Klaren sein, bevor sie neue Schulden mache.

Subventionen überdenken

Gleichzeitig warnt der Ökonom davor, nur auf neue Schulden zu setzen. Ausgabenüberprüfung und Umschichtungen seien notwendig. "Wir können nicht so weitermachen und sagen: 'Wir haben neue Prioritäten, aber sind nicht bereit umzuschichten'. Das Umschichten alleine wird kurzfristig aber nicht genug sein", sagte Fuest voraus. Deshalb werde man sich auch den Bereich der Subventionen anschauen müssen. Das werde zwar nicht zu Steuererhöhungen führen, aber "an der ein oder anderen Stelle zu Mehrbelastungen".

Ausgaben im Blick behalten

Janek Böffel (Foto: SR/Pasquale D'Angiolillo)
Interviewer: Janek Böffel (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Im Hinblick auf die am 28. Oktober 2021 vom Umweltbundesamt vorgestellte Liste mit umweltschädlichen Subventionen sagte Fuest: "Dass man insbesondere Subventionen, die dem Klimaschutz widersprechen, auf den Prüfstand stellt, finde ich sinnvoll". Es werde aber nicht reichen, nur diese Subventionen zu kürzen. "Wir müssen alle Subventionen auf den Prüfstand stellen. Die klimaschädlichen, aber auch alle anderen", forderte der Ökonom. Als Beispiel nannte Fuest die Bausparprämie: "Die geht an die Mittelschicht, die sie aber auch gleichzeitig mit ihren Steuern bezahlt." Allerdings warnte Fuest auch vor zu großen Hoffnungen, denn viele Subventionen ließen sich nicht von heute auf morgen stoppen: "Wir müssen auch auf die Ausgabenseite schauen."


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 30.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Clemens Fuest (Foto: ifo Institut).


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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