"Seit 9/11 haben Misstrauen und Verschwörungstheorien einen Aufstieg erlebt"

„Seit 9/11 haben Misstrauen und Verschwörungstheorien einen Aufstieg erlebt“

Das Interview der Woche mit Philipp Gassert, Historiker an der Universität Mannheim

mit Informationen von Florian Mayer   11.09.2021 | 12:34 Uhr

Welche Auswirkungen haben die Anschläge auf die US-amerikanische Gesellschaft und Politik gehabt? Wie haben sie das Verhältnis der US zur restlichen Welt verändert? Und was davon wirkt bis heute nach? Darüber spracht SR-Moderator Florian Mayer mit Professor Philipp Gassert von der Universität Mannheim, Historiker und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien im Interview der Woche.

Erster Impuls: Die Welt besser machen

Die Terroranschläge des 11. September 2001 markieren für viele eine Zäsur. Die New York Times schrieb am Tag danach, 9/11 sei „einer jener Momente, in denen die Geschichte sich teilt und wir die Welt als ‚vorher‘ und ‚nachher‘ definieren“. Der Historiker Gassert sieht im "Nachher" zunächst einen humanistischen Impuls. Den macht er zum Beispiel an der Schlagzeile der französischen Zeitung "Le Monde" fest: "Wir sind alle Amerikaner".

Die Menschen weltweit hätten sich solidarisch erklärt. Und es habe einen Impuls gegeben, die Welt besser zu machen. Genau das aber "wurde verspielt durch die Kriegspolitik der Regierung Bush". In der Folge hat sich für Gassert bewahrheitet, dass die im Anschluss an den 11. September geführten Kriege nichts gebracht haben. Zwar hätten die USA reagieren müssen, das Ziel von George W. Bush sei aber aber gewesen, die amerikanische Hegemonie um eine Generation zu verlängern. Das habe mit den Terroranschlägen gar nichts mehr zu tun gehabt.

Außen- und innenpolitisch gescheitert

Die Schwarz-Weiß-Sicht, mit der Bush und seine Regierung auf diese Ereignisse eingegangen sind, habe viele negative Folgen gehabt. Unter anderem wurden die USA, so Gassert, in ihrer interantionalen Position beschädigt. Im Inneren habe Bush eine dauerhafte republikanische Mehrheit schaffen wollen. Auch das sei ihm nicht gelungen. Die Partei sei zudem tief gespalten.

Ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf die Rechtsstaatlichkeit. Zwar wurden die Überwachung der Bürger wieder eingeschränkt. Aber der Staat habe durch den technologischen Fortschritt andere Mäglichkeiten, auf die Daten der Bürger zuzugreifen als etwa durch den Patriot Act. Und das Ausspionieren von fremden Bürgern inklusive Politikern und hochrangigen Vertretern anderen Staaten werde natürlich weiter geführt.

Trump als Spätfolge des 11. September

In der politischen Kultur der USA hätten zudem Misstrauen und Verschwörungstheorien seit dem 11. September einen unglaublichen Aufstieg erlebt haben. "Die dann mit dazu beigetragen haben, dass über eine massive gesellschaftliche Spaltung ein derartiger Populist, die Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden konnte." Gassert sieht auch darin eine Spätfolge des 11. September.

"Am Ende wurde der Terrorismus nicht besiegt, er ist immer noch nicht besiegt", so das Resümee von Gassert. Al Qaida sei zwar stark reduziert, existiere aber noch weiter. Zudem seien noch schlimmere Terrororganisationen entstanden wie etwa der Islamische Staat. Nach Ansicht des Historikers hätte der 11. September ein bisschen mehr Solidarität und sogar eine positive Entwicklung in die Welt bringen können. Durch die Entscheidungen der amerikanischen Regierung sei jedoch das Gegenteil bewirkt worden.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 11.09.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt US-Fähnchen zur Erinnerung an die Toten von 9/11. (Foto: Pixabay / 2564368)


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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