"Es gibt nichts Falscheres zu sagen als: Das sind soziale Randgruppen"

"Es gibt nichts Falscheres zu sagen als: Das sind soziale Randgruppen"

Im Interview der Woche: Peter Becker, Drogenhilfezentrum Saarbrücken

Carolin Dylla  

Am 1. Juli hört Peter Becker als Leiter des Saarbrücker Drogenhilfezentrums (DHZ) in der Brauerstraße auf. "Von Drogenarbeit hatte ich keine Ahnung" hatte Peter Becker gesagt, als er vor zweieinhalb Jahren den Job angefangen hatte. Der ehemalige Polizist hat sich aber schnell reingearbeitet in den Job. SR-Reporterin Carolin Dylla hat mit ihm im Interview der Woche über seine persönlichen Erfahrungen mit der Arbeit vor Ort gesprochen.

Sendung: Samstag 27.06.2020 12:45

Als eines der wichtigsten Ziele, die er mit umsetzen konnte, bezeichnet Peter Becker den "Therapieverbund Drogenhilfe Saarbrücken". Der sorge dafür, dass Menschen, die ihre Drogensucht überwinden wollten, möglichst schnell und reibungslos in Entzug und Therapie kämen. Auch das Naloxon-Projekt – hier lernen Schwerstabhängige, sich im Notfall selbst das Medikament Naloxon zu verabreichen, was ihnen das Leben retten kann - bezeichnet Becker als großen Erfolg.

Großen Handlungsbedarf sieht Becker aber immer noch beim Thema Beschaffungskriminalität, also der Tatsache, dass Schwerstabhängige oft aus Geldnot kriminell werden. Hier aber sei das DHZ auch auf die Hilfe und Mitarbeit der Betroffenen angewiesen - was oft schwierig sei. Dabei könnten Substitutionsprojekte, für die es Ideen gebe, helfen, sagt Becker.

"Wir haben gelernt, dass wir nicht alle erreichen."

Eigentlich sei es grundsätzlich nicht schwer, drogenabhängige Menschen zu erreichen und sie auf die Angebote des DHZ aufmerksam zu machen. Aber: mit Respekt - und auf Augenhöhe, sagt Peter Becker. Ihnen "von oben herab" zu sagen, was gut sei, funktioniere nicht. Die Betroffenen müssten selbst bestimmen können, welchen Weg sie mit Hilfe des DHZ gehen wollten. Hier leiste auch die Psychosoziale Arbeitsstelle einen extrem wichtigen Beitrag, so Becker.

Unterstützung durch die Politik

Über mangelnde Unterstützung durch die Politik könne sich das DHZ nicht beschweren, findet Peter Becker. Es gebe im Sozialministerium Verantwortliche, die sich das Thema "auf die Fahnen geschrieben" hätten - auch, wenn sich damit nicht unbedingt Wählerstimmen gewinnen ließen. Das zeigten nicht zuletzt zwei zusätzliche Stellen für Streetworker, die jetzt am DHZ arbeiteten und in der gesamten Stadt auf Schwerstabhängige zugingen. Auch auf das restliche Netzwerk, darunter die Ärztekammer und Apotheken, sei Verlass.

"Wir können niemandem etwas aufzwingen."

Ein zentrales Problem im Umgang mit dem Phänomen "Drogenkonsum und Sucht" sieht Peter Becker in der Scham, die für viele Betroffene und auch deren Familien damit verbunden sei. Dennoch: Das DHZ könne nur Angebote machen und über mögliche Hilfen aufklären – die Entscheidung für eine Therapie müssten die Betroffenen selbst treffen. Und egal, wie diese Entscheidung ausfalle – der Wille der Betroffenen werde respektiert. "Das fällt zwar manchmal schwer, weil wir sehen, wie Menschen verfallen", sagt Peter Becker. "Aber es ist der einzige Weg."

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 27.06.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz@sr.de

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