„Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"

"Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"

Das Interview der Woche mit dem Umweltpsychologen Prof. Gerhard Reese, Universität Koblenz-Landau

Kerstin Gallmeyer   09.08.2019 | 07:00 Uhr

Sendung: Samstag 10.08.2019 12:45 Uhr

"Unser Wirtschaftssystem führt genau zu diesen Problemen, die wir jetzt haben: übermäßige Nutzung von Ressourcen und Überkonsum", so Reese. Immer mehr Menschen würden aber Ausmaß und Dringlichkeit der Lage begreifen – nicht zuletzt durch die Hitzeperioden und die Fridays-for-Future-Bewegung. "Vielen Leuten ist bewusst, dass die Art und Weise, wie gerade wir in den Industrienationen leben, hochproblematisch ist. Seit einem Jahr dämmert’s auch einem größeren Teil der Bevölkerung, dass das so nicht weitergehen kann." Allerdings: Dass wir auch unser Verhalten ändern müssen, könnten wir uns noch nicht ganz eingestehen, meint Reese.

Alternative Handlungsangebote

Gerhard Resse: "Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"
Audio [SR 2, Kerstin Gallmeyer, 10.08.2019, Länge: 14:55 Min.]
Gerhard Resse: "Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"

Um das zu schaffen, sei ganz stark die Politik gefragt, meint der Wissenschaftler. Nur durch alternative Angebote wie einen besseren und günstigeren öffentlichen Nahverkehr und den Ausbau von Bahnstrecken bekämen die Menschen auch echte Handlungsalternativen. Und die seien unbedingt nötig: "Wenn ich das Gefühl habe, nicht selbst wirklich was machen zu können, weil ich eben irgendwo auf dem Dorf wohne, wo es überhaupt keinen Bus gibt, dann kann ich das Verhalten auch nicht zeigen, so sehr ich auch umweltbewusst eingestellt bin."

Reese appelliert an die Politiker, möglichst schnell die Weichen zu stellen und die richtigen politischen Entscheidungen auf den Weg zu bringen. Diese Entscheidungen der Bevölkerung entsprechend zu vermitteln, gehöre ebenso zu ihren Aufgaben.

Wandel des Lebensstils

Nach Ansicht von Reese liegt die Verantwortung aber auch bei jedem Einzelnen. "Es ist irre schwer zu sagen: Okay, was kann ich denn als Einzelner tun? Das Wichtige ist dann, sich vor Augen zu halten, dass ich eben nicht alleine bin."

Ausreden lässt der Wissenschaftler nicht gelten, wie etwa: "Wenn wir jetzt in Deutschland das und das machen und dann gibt’s die 1,2 Milliarden Chinesen, die das ganz anders machen. – Da vergisst man so ein bisschen, dass das natürlich auch einen Innovationscharakter haben kann." Beispiel: die deutsche Energiewende. Die hätten sich auch andere Länder zum Vorbild genommen.

Wir bräuchten einen Wandel unseres Lebensstils, mahnt Gerhard Reese an – und damit auch einen Wandel unserer Werte. Das könnte allerdings mit die größte Herausforderung sein. Denn die wenigsten Menschen würden radikale Änderungen mögen, so der Umweltpsychologe.

Die SR-Sommerinterviews

Michael Schneider und Kerstin Gallmeyer (Foto: SR)
Führen die SR-Sommerinterviews 2019: Michael Schneider und Kerstin Gallmeyer

Was wird aus uns, aus unserem Planeten? Eine Frage, die im Sommer 2019 die Republik beschäftigt. Im ganzen Land gehen freitags Schüler auf die Straße, weil sie sich Sorgen machen um ihre eigene Zukunft und der Politik Versagen angesichts des Klimawandels vorwerfen. Politiker wiederum ringen um die richtige Position zwischen einer klimapolitischen Kehrtwende und der Bewahrung von Wohlstand und Wirtschaftskraft.

Naturschützer und Biologen konstatieren währenddessen nüchtern: Unsere Natur ist bereits vom Wandel erfasst. Sommer werden wärmer und trockener, Winter feuchter, und das hat ganz konkrete Auswirkungen auf unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt. Und Psychologen gehen der Frage nach: Ist unsere Gesellschaft gewappnet für den Wandel? Und schaffen wir es, gemeinsam auf die Veränderungen zu reagieren?

Auch der Saarländische Rundfunk geht in den diesjährigen SR-Sommerinterviews allen diesen Fragen nach. Wie steht es ganz konkret um die Natur im Saarland? Was sind die Forderungen an die Politik? Wie müssen sich die großen Parteien neu positionieren? Und schaffen wir all das überhaupt rechtzeitig?


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 10.08.2019 auf SR 2 KulturRadio.


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz-mittag@sr.de

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