Europa als Heimat: François Villeroy de Galhau

Europa als Heimat: François Villeroy de Galhau

Im Interview der Woche: François Villeroy de Galhau, Chef der französischen Notenbank

Yvonne Schleinhege  

Was ist Heimat? Diese Frage ist im Sommer 2018 so aktuell, wie selten zuvor. Längst ist Heimat nicht mehr nur ein privates Gefühl, sondern hat auch eine politische Dimension bekommen. In Berlin kümmert sich ein eigenes Ministerium darum, was Heimat ausmacht und wie sie zu schützen ist – auch Populisten benutzen das Schlagwort als Kampfbegriff. In dieser Situation fragen die SR-Sommerinterviews: Was macht Heimat wirklich aus? Wie definieren Menschen im Saarland ihre Identität? Und kann auch Europa Heimat sein?

Sendung: Samstag 04.08.2018 12.45 bis 13.00

François Villeroy de Galhau im Sommerinterview (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Im dritten Teil der SR-Interviewreihe trifft Yvonne Schleinhege den Chef der französischen Nationalbank am Europadenkmal in Berus. François Villeroy de Galhau ist in Straßburg geboren, die meisten Stationen in seinem Leben hat er in Frankreich verbracht. Heute lebt er in Paris. Dennoch ist auch das Saarland Heimat für ihn. Ein Teil seiner Familie lebt seit mehr als zwei Jahrhunderten in Wallerfangen. Hier verbringt er regelmäßig seine freie Zeit und seinen Urlaub.

Franzose, Saarländer und Europäer

Und deshalb verstehe er sich selbst als Franzose, Saarländer und Europäer. Das ist für ihn kein Widerspruch. Auch dank seiner Erfahrungen im Saarland habe Europa immer eine große Rolle in seinem Leben gespielt. Heute sitzt François Villeroy de Galhau auch im Rat der Europäischen Zentralbank. Sein Leben steht ganz im Zeichen Europas und des Euros.

Heimat muss eine offene Heimat sein

Das in Deutschland derzeit viel über Heimat diskutiert wird, die Rückbesinnung auf Heimat eine Art Renaissance erfährt, kann der überzeugte Europäer durchaus verstehen. Denn die Globalisierung oder die Digitalisierung seien für viele Menschen aktuell große Herausforderungen. Aber Heimat dürfe nicht ausgrenzen oder abgrenzen. Er plädiert für eine offene Heimat. "Das kann man mit den Grenzen erklären. (…) Diese Grenzen definieren uns, aber sie dürfen nicht Völker trennen. Ich habe immer versucht in meinem Leben über die Grenzen zu schauen und die Grenzen zu überwinden. Das ist für mich eine offene Heimat" Unter diesen Bedingungen sei Heimat etwas Positives, denn man brauche Wurzeln.

Europa als Heimat: François Villeroy de Galhau
Video [SR Fernsehen, Yvonne Schleinhege, 03.08.2018, Länge: 17:52 Min.]
Europa als Heimat: François Villeroy de Galhau

Europas Errungenschaften sind nicht selbstverständlich

Eine tiefe heimatliche Verwurzelung und eine Offenheit für Europa – das passt für François Villeroy de Galhau durchaus zusammen. Denn für den überzeugten Europäer steht fest: Europa hat vieles erreicht, vor allem Frieden und Wohlstand. Heute betrachte man dies als selbstverständlich. Das sei es aber nicht. Gerade in der aktuellen weltpolitischen Lage brauche es "mehr Europa". Ein Beispiel für den französischen Notenbankchef: der Handelsstreit mit den USA und den erfolgreichen Verhandlungen von EU-Kommissionspräsident Juncker. Hier hätten Frankreich und Deutschland alleine wenig bewirken können.

Trump auch eine Chance für Europa

François Villeroy de Galhau  (Foto: imago/Sämmer)

Dabei sieht der französische Notenbankchef in US-Präsident Trump auch eine Chance für Europa. Im Sommerinterview mit dem Saarländischen Rundfunk sagte Villeroy de Galhau, dass Trump Europa mit seiner Art von Politik herausfordere. Davon könne die EU profitieren: "Trump kann uns sogar helfen." Bei Themen wie Migration oder der globalen Erwärmung sei Europa jetzt nämlich gefordert. Hier müsse Europa ein Beispiel sein.

Neue konkrete Projekte für Europa

Der französische Notbank-Chef sieht aber auch die EU in der Pflicht, neue konkrete Projekte auf den Weg zu bringen. Es werde zu viel über das "Wie" gesprochen, wichtiger sei es aber darüber zu sprechen "was" man besser zusammen machen kann. Für François Villeroy de Galhau geht es nicht zwingend darum, dass die Menschen in Europa heimatliche Gefühle mit Europa verbinden, aber man müsse stolz auf Europa sein.


Ausschnitte der Interviews sehen Sie im SR Fernsehen, auf SR.de erscheint das komplette Interview als Video. SR 2 KulturRadio sendet die Sommerinterviews samstags im Interview der Woche, außerdem auszugsweise in Hörfunkbeiträgen.


Die SR-Sommerinterviews 2018
Was ist Heimat?
Ist Heimat ein Ort, eine Region oder ein Land? Oder ist Heimat einfach nur ein sehr persönliches Gefühl ohne eine konkrete Ortsangabe? In anderen Sprachen gibt es nicht einmal ein Wort dafür. Die SR-Sommerinterviews lassen Prominente aus der Region mit ihrem Heimatbegriff zu Wort kommen.


Die Interviewerin:

Yvonne Schleinhege (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Yvonne Schleinhege

Yvonne Schleinhege studierte in Saarbrücken Historische Kulturwissenschaften und absolvierte im Anschluss ihr journalistisches Volontariat beim SR. Sie arbeitet seitdem in der Programmgruppe Politik, Wirtschaft, Frankreich, Korrespondenten im SR-Hörfunk und ist insbesondere für die Themen Wirtschaft und Soziales zuständig.


Ausblick: das letzte Sommerinterviews 2018

10./11. August: Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident


Das Interview der Woche

Jeden Samstag gegen 12.45 Uhr in der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio

In der "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio wird jeden Samstag gegen 12.45 Uhr ein etwa 15-minütiges Interview ausgestrahlt. Diese Gespräche mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur bieten den Hörern von SR 2 KulturRadio nicht nur Argumente und Fakten zu wichtigen Themen und Entscheidungen, sondern auch persönliche Eindrücke über die Handelnden.

Die Interviews entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Hauptstadtstudio Berlin. Der Sendeplatz wird so zu einem Forum für internationale und regionale Themen.

Kontakt: bilanz-mittag@sr.de

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