Was ist Heimat?

Zwischen Brauchtum und Rassismus

Das Interview der Woche

Alex Krämer / Onlinefassung: Martin Breher   10.03.2018 | 12:45 Uhr

Das Wort "Heimat" fällt zurzeit ziemlich häufig, auch in der Politik. CDU und CSU reden über Heimat, die AfD, der Bundespräsident, und auch die Grünen. Nach Bayern soll es jetzt auch im Bund ein Heimat-Ministerium geben, angedockt ans Innenministerium, mit Horst Seehofer als Minister. Doch woher kommt diese Heimat-Konjunktur und wofür steht der Begriff? Darüber hat Alex Krämer mit dem Heimatforscher Prof. Gerhard Vinken von der Uni Bamberg gesprochen.

Sendung: Samstag 10.03.2018 12:45

Der Begriff "Heimat" sei sehr individuell, meint Heimatforscher Prof. Gerhard Vinken von der Uni Bamberg. Grundsätzlich sei Heimat erst einmal ein positiv konnotierter "räumlicher Begriff", der "unter der Ebene des Nationalstaats angesiedelt" sei. Es könne sich hierbei um eine Region oder um eine Stadt handeln, die Menschen mit ihrer Kindheit und ihrem Aufwachsen verbinden, mit "vertrauten Räumen" also. Dadurch, dass Heimat mit der Herkunft in Verbindung stehe, sei Heimat "auch nur begrenzt erlernbar".

Völkische und rassistische Aufrüstung leicht möglich

Problematisch werde es, so Vinken, wenn man den Begriff "Heimat" politisch auflade, weil dann ein "ausschließendes Moment häufig mitgedacht wird". Damit würden dann Personen, die nicht ursprünglich aus der Stadt oder Region kommen, als "Störfaktor" ausgegrenzt, um "eine gewisse Homogenität und Harmonie" zu schaffen. In der Politik werde der Heimat-Begriff meist in unsicheren Zeiten verwendet, und gerade bei der AfD seien die Ideen von Heimat und Brauchtum "sehr schnell völkisch und rassistisch aufgerüstet worden", meint Vinken. Das habe aber auch damit zu tun, dass diese Aufrüstung grundsätzlich sehr leicht möglich sei, so der Heimatforscher im SR 2-Interview der Woche mit Alex Krämer.

Braucht es ein Heimatministerium?

In der Schaffung eines Heimatministeriums, wie es in Bayern bereits passiert ist, und wie es im Bund mit der neuen großen Koalition passieren soll, sieht Vinken erstmal eine "politische Geste, die gegen Rechtsaußen einen Pflock einschlägt", weil man dadurch das Thema Heimat sichtbar besetze. Die Politik wolle damit vor allem artikulieren, dass man "nicht nur funktionalistische Politik macht, also Richtung Strukturentwicklung, Breitband, Angleichung der Lebensbedingungen, sondern dass man auch das Leben der Leute, also ganz konkret 'Was ist in den Dörfern los?' direkt politisch adressiert".

Die Besetzung der Themen Brauchtum und ländliche Entwicklung in der Politik sei grundsätzlich lobenswert, sagt Vinken, da diese Themen für viele Menschen sehr wichtig seien. Mit dem Begriff "Heimatministerium" hat er aber ein Problem: "Ich würde mich freuen, wenn man diese Themen unter einem Ministerium, das sich neutraler nennt, und nicht so weltanschaulich daherkommt, zusammenfassen würde."


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