Holzbläser (Foto: Marco Borggreve)

Wolfgang Amadeus Mozart: Quintett für Klavier und Bläser KV 452

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Miriam Stumpfe. Onlinefassung: Thomas Schulz  

Die Jahre 1784 bis 1788 waren für Wolfgang Amadeus Mozart wohl die geschäftigsten und erfolgreichsten Jahre seines Lebens. Diese Zeit beflügelte offenbar auch Mozarts Phantasie, er experimentierte mit ungewöhnlichen Kammermusikformationen. Besonders neuartig war die Besetzung eines Quintetts für Klavier und Bläser. Frei von Gattungstraditionen gelang ihm damit ein kongenialer Wurf. Miriam Stumpfe hat sich über dieses "starke Stück" mit dem Oboisten Hansjörg Schellenberger unterhalten.

Sendung: Samstag 29.08.2020 10.20 Uhr

Klavier und Bläser: Im Jahr 1784, als Mozart sein Klavierquintett komponiert, gehören diese Instrumente verschiedenen Welten an. Das Klavier brilliert bei musikalischen Akademien als Soloinstrument mit Konzerten oder Sonaten. Die vier Bläser, also Oboe, Klarinette, Horn und Fagott, bilden – paarweise verdoppelt, als Bläseroktett – die klassische Besetzung einer Harmoniemusik, liefern leichte musikalische Kost für Gartenkonzerte oder Feste. Mozart bringt diese Welten im Es-Dur-Quintett zusammen. Eine Neuheit.

PARALLELEN ZU DEN KLAVIERKONZERTEN

"Von pianistischer Seite aus gesehen, ist es eindeutig ein Klavierkonzert", sagt der Oboist Hansjörg Schellenberger. "Die Pianisten sagen alle, es ist mindestens so schwer wie Klavierkonzerte von Mozart – nur, dass die Bläser noch hinzu kommen und in ähnlicher Intensität noch Musik dazu liefern. Das ist ein ganz hochkonzentriertes und musikalisch dichtes Stück." Hans-Jörg Schellenberger sieht viele Parallelen zu Mozarts Klavierkonzerten. Die Form zum Beispiel entspricht auch dem typischen Solokonzert: ein Sonatenhauptsatz als Eröffnung, ein sangliches Larghetto und dann, als Rausschmeißer, ein Rondo.


Das ist ein ganz hochkonzentriertes und musikalisch dichtes Stück.

Hans-Jörg Schellenberger


Oboe als Partner auf Augenhöhe

Oboe, Holzbläser (Foto: Marco Borggreve)

Doch diese Nähe zu den Konzerten heißt längst nicht, dass das Klavier immer die Nase vorn hat, und die Bläser als Mini-Orchester "nur" begleiten. Im Gegenteil, betont Schellenberger: "Ich sehe mich mit meinem Instrument als Partner auf Augenhöhe, musikalisch gesehen. Der Pianist hat auf technisch-pianistischer Ebene einen anspruchsvollen Part. Umgekehrt spielen die Bläser in den Klavierkonzerten eine ganz herausgehobene Rolle – gerade in den Konzerten, die in Nachbarschaft zu dem Quintett entstanden sind, zum Beispiel KV 453 und KV 459."

Dialog als Prinzip

Mozarts Klavierquintett erklärt den Dialog zwischen den Instrumenten zum Prinzip. Selten übernimmt ein Instrument länger als zwei Takte lang die Führung. "Es ist ein unglaublich dichtes Musizieren auf kammermusikalischer Ebene", erklärt Hansjörg Schellenberger. "Zwischen Bläsern und Klavier findet unentwegt ein Gespräch statt – also hinspielen, übernehmen, zurückspielen, wieder übernehmen, anders weitergeben. Das sind ganz große Momente... Hinzu kommt: Das Stück hat eine in sich unglaublich geschlossene Sprache." Vier Bläser und ein Klavier – Mozart bringt zwei Welten zusammen und schafft einen kammermusikalischen Kosmos, in dem jedes Instrument seinen besonderen Charakter ausspielen kann. Dazu Hansjörg Schellenberger: "Was ich zu spielen habe, ist zu 100 Prozent genuin oboistisch; auf melodischer Ebene ist diese Musik ideal fürs Instrument komponiert. Das Gleiche für die Klarinette, fürs Fagott und fürs Horn: Die Instrumente sind ideal eingesetzt. Das ist Mozarts große Stärke: ein traumwandlerisches Empfinden, was die Instrumente optimal zum Klingen bringt."

Ein einziger Ton kann alles ändern

Den Farbenreichtum nutzt Mozart auch, um harmonische Zaubereien zur Geltung zu bringen, am berückendsten wohl im 2. Satz, dem Larghetto: "Es gibt da kompositorische Mittel, die Mozart in einer Weise beherrscht, die man nirgendwo anders findet – wo ein einziger kleiner anderer Ton zu einem solchen Zauber führt", sagt Schellenberger dazu. "Zu analysieren ist das leicht, aber warum eine solche Wirkung entsteht, das liegt sich an der Mischung der Klangfarbe, am Verlauf der Instrumente, und letzten Ende am Timing. Dieses Nicht-Wissen wo es hingeht und dann plötzlich ausbrechen, das ist ein ganz typisches Mozart-Phänomen."

Harmonische Magie

Mit seinem Quintett für Klavier und Bläser als Besetzung hat Mozart wenige Nachahmer gefunden. Beethoven schrieb in seinen jungen Jahren ein Klavierquintett und lehnte sich eng an Mozart an. Auch Komponisten wie Ignaz Pleyel, Franz Danzi oder Heinrich von Herzogenberg versuchten sich in dieser Gattung, aber wirklich etabliert hat sie sich nicht. Die Dichte des Dialogs, die harmonische Magie, der nuancenreiche Einsatz der Instrumente – damit waren die Maßstäbe hoch gesetzt. Das merkte übrigens auch Mozart: Er bezeichnete sein Klavierquintett im Entstehungsjahr 1784 als das Beste, was er bis dahin geschrieben habe.


Live zu hören im Kammerkonzert des SST am Sonntag, 30. August 2020, 11.00 Uhr

1. Kammerkonzert

Mit Raphael Klockenbusch (Oboe), Günther Schraml (Klarinette), Nicolas Horry (Fagott), Regina Mickel (Horn), Antonia Argmann (Harfe), Stefan Neubert (Klavier)

Antonio Pasculli
Omaggio a Bellini für Englischhorn und Harfe

Wolfgang Amadeus Mozart
Quintett für Klavier und Bläser KV 452

Ludwig van Beethoven
Quintett für Klavier und Bläser op. 16


Stefan Neubert (Foto: SST Zenkner)
Stefan Neubert


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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