Klarinetten/Fagott (Foto: DRP/Marco Borggreve)

Wolfgang Amadeus Mozart: Klarinettenquintett KV 581

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Katharina Neuschaefer | Online-Fassung: Thomas Schulz  

Mit seinem A-Dur-Quintett KV 581 begründete Mozart die Gattung des Klarinettenquintetts. Das viersätzige Opus ist ein Werk der Freundschaft und genau dieser freundschaftliche Gestus bestimmt auch seine Grundanlage. Katharina Neuschaefer stellt dieses "starke Stück" im Gespräch mit Jörg Widmann vor.

Sendung: Samstag 06.06.2020 10.20 Uhr

Ein Abend im Jahr 1784. Wolfgang Amadeus Mozart sitzt im Parkett des Wiener Burgtheaters und starrt auf die Bühne. 13 Musiker stehen dort, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassetthörner, vier Waldhörner, zwei Fagotte und ein Kontrabass. Sie spielen seine Gran Partita. Gut sind sie, alle sind sie gut, aber einer von ihnen ist ganz besonders gut. Der Klarinettist dort vorne, mit dem roten, pickligen Gesicht und den großen Händen, der Hofklarinettist Anton Stadler. Mozart schließt die Augen. Noch niemals hat ihn der Klang einer Klarinette so berührt wie heute, und als er das Wiener Burg-Theater an diesem Abend verlässt, hat er Tränen in den Augen und im Herzen Musik, die nur darauf wartet, von genau diesem Anton Stadler gespielt zu werden.

STADLER – MOZARTS LOGENBRUDER UND FREUND

Seit jenem Abend im Burgtheater bringt Wolfgang Amadeus Mozart dem etwas älteren Anton Stadler eine lebenslange unerschütterliche Freundschaft entgegen. Egal was der Musiker tut, wie sehr er auch lügt, stiehlt oder die Zuneigung des großen Komponisten ausnutzt, für Mozart bleibt er sein geliebter Logenbruder und Freund Anton Stadler, das "Ribisel-G'sicht". Er bleibt der Adressat seiner schönsten Melodien, die Stimme seiner späten Gedanken. Neben dem "Kegelstatt-Trio" und seinem berühmten Klarinettenkonzert schreibt Mozart Anton Stadler eine seiner privatesten und intimsten Kompositionen auf den Leib: das Klarinettenquintett A-Dur.

SCHWER GREIFBARE SCHÖNHEIT

Jörg Widmann (Foto: Marc Borgreve)

Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann betrachtet Mozarts Klarinettenquintett als interpretatorische Herausforderung: "Es ist tastsächlich ein vollkommen abgeklärtes Stück, von einer Schönheit, die man gar nicht greifen kann, die man auch als Interpret insofern schwer herstellen kann, als man unbewusst bewusst spielen muss. Sobald ich schon zu genau weiß, wo es hingehen wird, dann wird es so klingen, als ob ich mit dem Zeigefinger darauf hinweisen würde; und das ist immer die am wenigsten subtile Variante. Ich muss also diese harmonischen Einbrüche und die seltsamen Harmonien genau kennen, ohne ständig ein Ritardando zu machen, wenn so etwas kommt. Einerseits muss ich jeden Takt kennen, um dann in dem Moment kindlich zu staunen über den Klang einer bestimmten Stelle."

VERMEINTLICHE FEHLER MACHEN DIE MUSIK EINZIGARTIG

Das Klarinettenquintett in A-Dur ist ein Werk der Freundschaft und genau dieser freundschaftliche Gestus bestimmt auch seine Grundanlage. Fünf Stimmen, die ineinander verwoben sind und sich ergänzen, sich Raum geben und aneinander reiben. Nach den kompositorischen Regeln des strengen Satzes weist das Klarinettenquintett eine ganze Reihe satztechnischer Verstöße auf. Einige Zeitgenossen haben sich sogar die Mühe gemacht, diese vermeintlichen Fehler nachzuweisen, ohne dabei zu verstehen, dass gerade diese Ausnahmen, Mozarts Grenzgängertum, seine Musik so einzigartig machen.

Ich kenne von Mozart kaum ein Streichquartett, wo er so extrem dissonant schreibt.

Jörg Widmann über das Menuett des Klarinettenquintetts


KUNSTVOLLE TECHNIKEN, KUNSTVOLL VERBORGEN

"Ich finde, das schönste Streichquartett das Mozart geschrieben hat, findet sich im ersten Trio des Menuetts", begeistert sich Jörg Widmann. "Ich kenne von Mozart kaum ein Streichquartett, wo er so extrem dissonant schreibt. Da gibt es so viele Vorhalte, da sind heftigste Dissonanzen auf jeder betonten Zählzeit. Und dann auch noch mit Späßen wie Kanons. Allein die Techniken, die er verwendet, sind ungeheuer kunstvoll, aber auch hier verbirgt er sie wieder so kunstvoll."

DIE TONART DER FREIMAURER

Ebenso wie sein Schwesterwerk, das Klarinettenkonzert, schreibt Mozart sein Quintett in A-Dur. Bewusst wählt er die Tonart mit den drei Kreuzen, die Tonart der Freimaurer, die Tonart seiner Freundschaft zu Anton Stadler. Viel Licht, aber mindestens ebenso viel Dunkelheit – das vielstrapazierte Bild des "Lächelns unter Tränen". Bereits mit dem vierten Akkord bricht Mozart die strahlende A-Dur-Stimmung, um eine zweite Ebene einzuführen, den immer mitwandernden Schatten der fis-Moll-Melancholie.

Mozart formuliert in diesem Adagio das Ernsteste, wozu er fähig ist, und plötzlich sagt er: Ach nee, alles halb so schlimm.

Jörg Widmann zum dritten Satz des Klarinettenquintetts


STIMMUNGSWECHSEL WIE UNSTETE WOLKEN

Die subtile Trauer seiner späten Werke durchzieht Mozarts Klarinettenquintett wie ein roter Faden. Immer wieder verändern die so typischen Stimmungswechsel den Gestus des Werks. Wie unstete Wolken wechseln im dritten Satz zum Beispiel heitere und lichte Variationen mit verhangenen Moll-Passagen ab. Die herbstliche Bratschenvariation, die Mozart wohl auf Grund seiner persönlichen Liebe zur Bratsche eingefügt hat, vergleicht Jörg Widmann mit dem Bild eines traurigen Clowns: "Das ist das einzige Bild, das ich dazu habe. Es ist so traurig, dass es schon wieder nicht traurig ist. Dann geht es über in eine wahnsinnig heitere Variation und plötzlich kommt ein Dominantseptakkord, und was kommt, ist ein wahnsinnig anrührendes Adagio. Das wird erst nach E-Dur aufgelöst und dann kommt wieder das Thema in A-Dur. Ich vergleiche das manchmal mit Einsteins herausgestreckter Zunge. Mozart formuliert in diesem Adagio das Ernsteste, wozu er fähig ist, und plötzlich sagt er: Ach nee, alles halb so schlimm. Und dann geht's wieder weiter, man fühlt sich, als ob man in kaltes Wasser springt. Und diese Momente sind vielleicht die entscheidenden, weil sie uns seine Persönlichkeit näherbringen. Es ist halt Mozart: unerreicht."


Auf SR 2 KulturRadio zu hören:

Konzert aus Barcelona:
Montag, 8. Juni 2020, 20.04 Uhr

Miquel Ramos, Klarinette
Lassus Quartett

Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581
Brahms: Klarinettenquintett h-Moll op. 115


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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