Streichinstrument (Foto: unsplash/Ira Selendripity)

Béla Bartók: Violinkonzert Nr. 2

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Ilona Hanning | Online-Fassung: Thomas Schulz  

Fast zwei Jahre lang schrieb Béla Bartók an seinem zweiten Violinkonzert, ungewöhnlich für ihn, der das "Divertimento" in 16 Tagen oder das fünfte Quartett in einem Monat zu Papier brachte. Ilona Hanning stellt Béla Bartóks "starkes Stück", das Violinkonzert Nr. 2, im Gespräch mit Christian Tetzlaff vor.

Sendung: Samstag 04.04.2020 10.20 Uhr

Der Geiger Zoltán Székely hatte das Violinkonzert Nr. 2 bei Bartók in Auftrag gegeben und ihm auch gleich gesagt, wie er es denn haben wolle, nämlich als ein ganz klassisches Konzert. Bartók aber hatte etwas Anderes im Sinn, er wollte ein größeres Variationswerk. Letztendlich fand er einen Kompromiss, mit dem sowohl Auftraggeber als auch Komponist leben konnten.

Bartóks Violinkonzert Nr. 2 zeigt, dass die Suche nach einem solchen Kompromiss durchaus befruchten und zu einem ganz neuem Konzept führen kann. "Bartók hat eine sehr elegante Lösung gefunden," erklärt der Geiger Christian Tetzlaff. "Der langsame Satz ist ein Variationssatz und der dritte Satz ist eine genaue Kopie des ersten Satzes."

Zwölftonmelodie sorgt für Verwirrung

Gegensätze kennzeichnen den Kopfsatz des Konzerts. Momente des Auskostens wechseln sich mit vehement ausbrechenden, aufrüttelnden Passagen ab. Diese harten und schroffen Stimmungsumschwünge tauchen immer wieder auf und werden von der Sologeige eingeleitet. "Ich bin insgesamt in dem ersten Satz der Führende, der die Charaktere vorstellt; darum ist natürlich die Verantwortung sehr groß", erklärt Christian Tetzlaff. Dem robusten Anfangsthema stellt Bartók eine Zwölftonmelodie zur Seite. Mit zunehmender Länge des zerklüfteten Satzes scheint allmählich der Fortgang der musikalische Entwicklung verloren gegangen zu sein – eine Orientierungslosigkeit, die in eine Vierteltonpassage der Sologeige mündet. Aber die sich anschließende Solokadenz beendet diese Unsicherheit, bringt den Geiger wieder auf den richtigen Weg und führt ihn sicher zum Schluss.

Genaueste Notation

Damit die Gegensätze und Stimmungsumschwünge in diesem "Allegro non troppo" auch voll zur Geltung kommen, hat Bartók ganz genaue Anweisungen in die Partitur geschrieben. Er legte viel Wert auf Genauigkeit und trug immer ein Metronom bei sich, um damit die Tempi zu kontrollieren, auch wenn er selbst spielte. In den Noten des Zweiten Violinkonzerts stehen nicht nur viele, sondern auch sehr genaue Anweisungen bezüglich Tempi, Dynamik und Ausdruck. Christian Tetzlaff empfindet diese genauen Anweisungen weder als Fesseln noch als Einengung des eigenen musikalischen Temperaments, im Gegenteil: "Das ist für mich das Phantastische bei Bartók, weil alles, was er schreibt, hundertprozentig mit der Stimmung der Musik einhergeht. Metronomisierung, Dynamik und überhaupt alle Bezeichnungen sind so, dass man denkt: Das meiste hätte er gar nicht schreiben müssen, so soll es sowieso sein. Aber es ist eine schöne Bestätigung."

Märchenhafter Variationssatz

Christian Tetzlaff (Foto: Giorgia Bertazzi)

Nach dem durch schroffe Gegensätze geprägten Kopfsatz folgt das "Andante tranquillo", ein Variationssatz. Die Sologeige stellt das achttaktige Thema vor, deren Grundlage eine Quarte ist. Eine wunderschöne Kantilene, ruhig und abgeklärt, erhebt sich über dem Orchester. Im Verlauf des Satzes variiert Bartók dieses Thema und führt den Hörer in verschiedenste Klangwelten. Wie der Held im Märchen erlebt der Geiger die verschiedensten Abenteuer, durchschreitet dunkle, unheimliche Passagen, marschiert trotzig weiter, ist erleichtert und froh, ehe er ins nächste Abenteuer schlittert. Am Ende spielt die Sologeige wieder das Thema, diesmal eine Oktave höher. Ins Nichts schwebend endet dieser Satz.

Finale als Zwilling des Kopfsatzes

Auch im Finale verwendet Bartók das Variationsprinzip. "Der dritte Satz ist eine genaue Kopie des Kopfsatzes", erläutert Christian Tetzlaff. "Aber alles, was im ersten Satz einen Hang ins Großartige und Stolze und Schöne hat, bekommt hier eher fratzenhafte Züge. Manchmal klingt dieses Finale auch wild, tänzerisch und bukolisch: Dadurch, dass man den letzten Satz vom Ablauf her eigentlich schon kennt und trotzdem alles vollkommen anders ist, entsteht ein großer Zusammenhang in dem Stück."

Das ist ein großartiger Schluss und setzt dem Ganzen noch die Sahnehaube auf.

Christian Tetzlaff über den ursprünglichen Schluss des Konzerts

Zwei Schlüsse

Über das Ende von Bartóks Zweitem Violinkonzert war der Auftraggeber, der Geiger Zoltán Székely, nicht sehr erfreut, denn der Solist kam gar nicht mehr zum Zuge. Deshalb bat er den Komponisten, einen anderen Schluss zu komponieren und Bartók schrieb eine zweite Version des Schlusses, in dem die Solovioline bis zum letzten Ton im Mittelpunkt steht. Christian Tetzlaff hat sich für die erste Version des Schlusses entschieden: "Ich spiele jetzt die Orchesterversion, in der er einen rauschenden, wirklich orgiastischen Schluss komponiert hat, mit absurden Posaunen- und Trompetenglissandi und vollem Orchester. Das ist ein großartiger Schluss und setzt dem Ganzen noch die Sahnehaube auf. Der Wermutstropfen dabei ist, dass ich nicht mehr dabei bin, denn es hat keinen Sinn, die Sologeige mitspielen zu lassen, wenn sowieso Tohuwabuho herrscht und der Solist nur als Pantomime fungiert."

Sensationeller Geigenpart

Aber egal, für welche Schlussvariante sich der Sologeiger heute entscheidet: Bartóks Zweites Violinkonzert bleibt eines der bedeutendsten und meistgespieltesten Werke des 20. Jahrhunderts. "Der Geigenpart ist sensationell geschrieben, als ob Bartók von Kindesbeinen auf an mit der Geige groß geworden wäre, obwohl er eigentlich Pianist war", begeistert sich Christian Tetzlaff. "Der sinnliche Aspekt bei diesem Stück ist phantastisch. Es ist ein Werk, bei dem ich mir sicher bin, dass es da sehr viele Momente gibt, in denen das Publikum vollständig mitgenommen wird."


Zu hören im Konzert an Ostersonntag, 12. April 2020 um 11.04 Uhr:

2. Matinée 2005/2006

Dora Bratchkova, 1. Konzertmeisterin (Foto: Astrid Karger)

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken
Stanislaw Skrowaczewski, Dirigent
Dora Bratchkova, Violine

Stanislaw Skrowaczewski
Music at night

Béla Bartók
Violinkonzert Nr. 2

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 6 "Pastorale" F-Dur op. 68

Aufnahme vom 30. Oktober 2005 aus der Congresshalle Saarbrücken


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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