Hector Berlioz: "Les Nuits d'été"

Hector Berlioz: Les Nuits d'été

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Florian Heurich  

Sendung: Samstag 14.09.2019 10.20 Uhr

Der Titel kann als Anspielung auf den "Sommernachtstraum" gelesen werden. Berlióz ist ein großer Shakespeare-Verehrer und heiratet sogar die englische Shakespeare-Darstellerin Harriet Smithson. Der Zeitpunkt der Komposition von "Les nuits d’été" fällt zusammen mit dem Scheitern der Ehe. Und obwohl Berlióz selbst vieles im Unklaren lässt über die Bedeutung des Titels und die Entstehung dieser sechs Lieder, hat sie die Nachwelt als das künstlerische Zu-Grabe-Tragen seiner einstmals glühenden Liebe zu Harriet gedeutet.

Die Texte entnimmt Berlióz der Gedichtsammlung "La comédie de la mort - Die Komödie des Todes" seines Freundes Théophile Gautier - auch dieser Titel schon ein Widerspruch in sich. Es sind hochromantische Schilderungen eines gequälten Geistes voll von dunklem Pathos.

"Der Zyklus ist wie eine lange Klage, wie ein langes Lamento über die Liebe, insbesondere über die traurigen Seiten der Liebe. Einzig das erste und das letzte Lied sind ein bisschen fröhlicher und optimistischer. Die einzelnen Stücke hängen aber nicht zusammen. Jedes ist wie eine eigene kleine Oper", so Véronique Gens.

Orchestrierte Klavierlieder

Es waren ursprünglich Klavierlieder, die Berlióz später orchestriert. Widmungsträger sind sechs verschiedene Sängerinnen und Sänger, und jedes Lied ist für eine andere Stimmlage konzipiert. Erst mit der Zeit wird es für zyklische Aufführungen Usus, dass sie nur von einer Sängerin gesungen werden. "Absence" etwa ist der Mezzosopranistin Marie Recio gewidmet, Berlióz‘ zweiter Frau, mit der er bereits während der Ehe mit Harriet Smithson liiert ist: Die musikalische Verabschiedung der früheren Liebe ist also zugleich das neue Erwachen der Gefühle für eine andere.

"Durch dunkle, fast schwarze Klangfarben schafft Berlióz diese tragische Atmosphäre. Und durch große, lange Phrasen. Für die Sänger ist das die Hölle, weil so etwas immer sehr schwierig zu singen ist, gerade auf Französisch. Aber die Texte sind phantastisch. In diesen traurigen, schwarzen Texten gibt es kaum Farbe und Licht." ( Véronique Gens)

Am Anfang jedoch steht ein Tanzlied, das den Frühling preist in schwebenden Achtel-Staccati: "Villanelle". Es gleicht einem Volkslied, ist sehr leicht mit ihren drei Strophen, mit drei Mal fast genau derselben Melodie.

Das zweite Lied, "Le spectre de la rose"ist die Traumerzählung einer Blume, die am Busen einer Frau verwelkt ist - ein leidenschaftlicher Aufschwung, in dem eine subtile Erotik mitschwingt. Für Véronique Gens einer der berührendsten Momente des ganzen Zyklus‘. "Das bekannteste Lied, in dem man sich auch als Sänger am besten präsentieren kann, ist ohne Zweifel 'Le spectre de la rose'. [...] Das ist wirklich dieser ganz große, traurige Gesang. Und trotz aller Trauer schwingt am Ende auch ein bisschen Hoffnung mit und es wird etwas optimistischer."

Auf den schwärmerischen Traum folgen eine fahle Totenklage in "Sur les lagunes", das von trügerischer Hoffnung erfüllte Herbeisehnen der fernen Geliebten in "Absence" und das geisterhafte Nachtstück "Au cimetière". Einzig der sanft schwingende Barkarolen-Rhythmus des letzten Liedes - "L’ile inconnu" - suggeriert, dass alles Vorhergehende nur ein Traum gewesen sein könnte.

Gattung des Orchesterliedes

Mit "Les Nuits d’été" begründet Berlióz Mitte des 19. Jahrhunderts die Gattung des Orchesterliedes, die in den Jahrzehnten danach immer populärer werden soll. Eine zyklische Aufführung dieser sechs Lieder, die zwischen schmerzhafter Vergangenheitsbewältigung und Aufbruch in eine Zukunft voller Tatendrang schwanken, findet zu Lebzeiten des Komponisten jedoch nicht mehr statt. Ein weiteres der zahlreichen bislang ungelösten Rätsel um die Entstehung von "Les Nuits d’été".


Konzert-Tipp:

Den Liederzyklus "Les nuits d’été" von Hector Berlioz können Sie auch im ersten Sinfoniekonzert des Saarländischen Staatsorchesters am 22. und 23. September 2019 in der Congresshalle hören.

1. Sinfoniekonzert: Im Widerspruch

Werke von Claude Debussy, Hector Berlioz, Camille Saint-Saëns

Judith Braun, Mezzosopran
Christian Schmitt, Orgel

Sébastien Rouland, Dirigent
Saarländisches Staatsorchester

Claude Debussy: Petite Suite
Hector Berlioz: Les nuits d´été op. 7 (Fassung für Mezzosopran)
Camille Saint-Saëns: Sinfonie Nr. 3 c-Moll ("Orgelsinfonie")


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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