Geige im Geigenkoffer (Foto: DRP/Marco Borggreve)

Gustav Mahler: Des Knaben Wunderhorn

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Florian Heurich; Onlinefassung: Thomas Schulz  

Sendung: Samstag 24.08.2019 10.20 Uhr

"Sie sind ein Tagebuch des Daseins", sagt Thomas Hampson über die "Wunderhorn"-Lieder. "Das gilt für Lieder im Allgemeinen, aber für diese Lieder insbesondere. Ich glaube auch nicht, dass Mahler hier, zum Beispiel bei den betont naiv klingenden Liedern, irgendeine Art von Parodie im Sinn gehabt hat. Ich nehme ihn wirklich beim Wort. Er beobachtet menschliche Charakterzüge, wie sie sich schon bei den Jüngsten finden."  In diesem Sinne spannt Mahler in seinen Liedern aus "Des Knaben Wunderhorn" den Bogen von naiv anmutenden Kinderliedern über grausame Soldatenlieder bis hin zu transzendenten Jenseitsreflexionen.

Kein zusammenhängender Zyklus

Die Welt, die Achim von Arnim und Clemens Brentano in ihrer Volksliedsammlung eröffnen, bestimmt für über zehn Jahre Mahlers Leben. Seine "Wunderhorn"-Lieder sind nicht als zusammenhängender Zyklus entstanden, sondern in loser Abfolge über viele Jahre verteilt zwischen 1892 und 1901. Ganz bewusst stellt es Mahler seinen Interpreten frei, eine Auswahl aus seinen Liedern zu treffen und Reihenfolge und Dramaturgie selbst festzulegen.

Thematische Gruppierungen

Auch Thomas Hampson hat seine Präferenzen: "Ich persönlich neige mit den Jahren eher zu den Liedern, in denen Zerrissenheit thematisiert wird: die Soldatenlieder zum Beispiel, oder die Lieder, in denen eine Jugendliebe wegen irgendwelcher Schicksalsschläge auseinandergeht. Auf der anderen Seite gibt es all das, was in Richtung Metaphysik zielt. Da gibt es zum Beispiel eine Entwicklung vom 'Lied des Verfolgten im Turm', dieses unfassbare Selbstgespräch eines Gefangenen mit seinen freien Gedanken, über das das 'Irdische Leben', in dem eine unglaubliche Vision der menschlichen Existenz Gestalt gewinnt, hin zum 'Himmlischen Leben' und dann zum 'Urlicht'. Zu diesen beiden Richtungen neige ich. Aber eigentlich sind bei den 'Wunderhorn'-Lieder vier oder fünf thematische Gruppierungen möglich."

Hintersinnige Texte

Neben den Soldatenliedern, den Naturbildern und den metaphysischen Liedern gibt es als vierten Liedtypus etwas, das man als Kinderlieder, Tanzlieder oder humoristische Spottlieder bezeichnen könnte. Gegen den Vorwurf, die "Wunderhorn"-Lyrik sei bisweilen allzu naiv, wehrt sich Mahler jedoch vehement. Vielmehr wählt er besonders hintersinnige Texte aus, die er zum Teil sogar selbst umdichtet im Sinne seines kompositorischen Konzepts. Damit gehen seine "Wunderhorn"-Lieder weit über eine bloße Textvertonung hinaus.
"Zum Beispiel bei der 'Verlorenen Müh', wo der Junge und das Mädchen auf der Au ein Picknick machen", erklärt Thomas Hampson. "Und das kleine Fräulein ist ein bisschen weiter in seinen Gedanken als der Bub. Der denkt nur ans Essen; sie hingegen denkt ans 'Naschen'. Das erinnert, finde ich, an den Blickwinkel eines weisen Onkels, der diese Jugendliebe anschaut und denkt: Naja, da werden schon Schmerzen kommen, so ist das Leben, so sind wir als junge Leute."

Zwiegespräch im Sologesang

Mehrere der "Wunderhorn"-Lieder sind quasi als ein Zwiegespräch von Mann und Frau konzipiert. Damit geht Mahler auf die alte Gattung der Ballade zurück mit ihrer ganz eigenen Vortragsweise. "Zu einem Balladen-Vortrag gehört, die Geschichte zu erzählen und dabei gleichzeitig lebendig darzustellen. Das hat etwas von Theaterarbeit und gehört zum grundlegenden Studium eines jeden Opern- und auch Liedsängers. Diese Lieder sind durchaus als Sololieder konzipiert. Nichts wäre weniger im Sinne Mahlers, als diese Lieder mit mehreren Sängern im Duett oder Trio zu interpretieren."

Klangsymbolik

Die 14 "Wunderhorn"-Lieder in der Fassung für Singstimme und Orchesterbegleitung sind weit mehr als nur Orchestrierungen von vorausgegangenen Klavierliedern. Gerade durch seine Instrumentierung kreiert Mahler eine zusätzliche Bedeutungsebene.

In Mahlers Orchestrierungen seiner Lieder gibt es stets eine klare Dramaturgie. (Thomas Hampson)

"Die Harfe zum Beispiel hat etwas mit dem Jenseits zu tun. Die Hörner verkörpern mehr oder weniger das Schicksal. Englischhorn und Oboe stehen für die menschliche Stimme, und so weiter. Und man kann diese Dialoge von Perspektiven in der Bildersprache der Gedichte in 'Des Knaben Wunderhorn' genau ablesen. Letzten Endes findet ein Gespräch statt zwischen Instrumentarium, Musiksprache und poetischer Sprache. Und das ist in Mahlers Liedern im Allgemeinen eine sehr spannende Auseinandersetzung." In dem Lied "Wo die schönen Trompeten blasen" etwa verwebt Mahler in subtiler Klangdramaturgie ein inniges Liebeslied mit schroffer Militärmusik und verklärter Todesvision.

Grausame Kriegsvision

Das grausamste der Lieder ist "Revelge", ein schonungsloses Kriegsszenarium und zugleich ein Plädoyer gegen Gewalt. "Die 'Revelge' ist einfach ein Alptraum, ein Horrorgedicht, und ziemlich raffiniert in der Konstruktion. Wir als Hörer haben nämlich das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein: Die marschierende Truppe kommt vorbei, jemand stirbt im Feld, und so weiter. Aber wenn man näher hinschaut, kommt man am Schluss zu der Erkenntnis, dass die Trommel das einzige lebendige Element dieses ganzen Geschehens ist: 'Die Trommel steht voran'. Und diese Trommel ist sicherlich metaphorisch auch gemeint für die Aufwiegelung zur Aggressivität."

Abbild des Lebens

Makabre Kriegsszenerie und metaphysischer Blick ins Jenseits. Jugendliches Liebesglück und Weltsatire. In seinen "Wunderhorn"-Liedern erschafft Mahler ein Abbild des menschlichen Lebens in all seinen Facetten, einen ganzen Kosmos voller Humor und zugleich voller Tragik.


Zu hören auch im ARD Radiofestival:

Dienstag, 27.08.2019, 20.04 – 22.30 Uhr

20. Juli bis 14. September 2019
Das ARD Radiofestival

Turku Musikfestival / Eröffnungskonzert

Dorothea Röschmann, Sopran
Ian Bostridge, Tenor
Philharmonisches Orchester Turku
Leitung: Klaus Mäkelä

Wagner: Vorspiel zu "Die Meistersinger von Nürnberg"
Mahler: Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn"
Saariaho: Asteroid 4179: Toutatis
R. Strauss: Also sprach Zarathustra op. 30

Aufnahme vom 8. August 2019 aus der Konzerthalle in Turku


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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