Violine (Foto: Astrid Klein/SR)

Edouard Lalo: Symphonie espagnole

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Julia Smilga  

Sendung: Samstag 08.06.2019 10.20 Uhr

Für den russischen Geiger Vadim Repin ist die "Symphonie espagnole" von Edouard Lalo sein Lieblingswerk. Er hat es oft im Konzert gespielt und auch auf CD aufgenommen. "Im Geigenrepertoire gibt es einige virtuose Werke. Aber Stücke, bei denen sich hohe Virtuosität mit hervorragender Musik vereint, gibt es eher selten", sagt Repin. "Und genau ein solches Stück ist die Symphonie espagnole von Lalo. Es ist emotionale Musik, vielleicht auch unterhaltende Musik - aber sie erfordert vom Geiger eine enorme Vorbereitung. Denn allein von der Anzahl der Noten her wäre das Werk sicher auf Platz eins." Mag es Zufall sein oder ein Wink des Schicksals: Bei dieser Aufnahme spielt Vadim Repin auf der selben Stradivari mit dem Namen "Ruby", auf der der große Geiger Pablo de Sarasate das Werk in Paris uraufgeführt hat.

Sarasate als Glücksbringer

Paris, 7. Februar 1875. Der 52-jährige Edouard Lalo ist aufgeregt. Heute Abend wird bei der "Societe National" - einer Fördergesellschaft für neue französische Musik - seine "Symphonie Espagnol" uraufgeführt. Wird das Werk sein langersehnter Erfolg? Trotz seiner 52 Jahre und einer beachtlichen Anzahl von Kompositionen ist Edouard Lalo kein bekannter Komponist in Frankreich. Oft grübelt er, ob sein Vater vielleicht doch Recht hatte, als er seiner Berufswahl  ablehnend gegenüber stand. Offizier sollte der junge Edouard werden, wie alle Männer in seiner Familie. Als der Sohn sich jedoch der Musik zuwandte und nach Paris zog, um am dortigen Konservatorium Geige und Komposition zu studieren, strich der Vater jegliche Unterstützung.

Repin Vadim (Foto: Gela Megrelidze)

Fortan musste sich Lalo seinen Lebensunterhalt als Geiger und Geigenlehrer verdienen. Mit seinen frühen Kompositionen, hauptsächlich Kammermusikwerken, hatte er wenig Erfolg. Erst in den 1870er Jahren gelang es ihm, als Komponist auf sich aufmerksam zu machen. Eine große Rolle spielte dabei die Bekanntschaft und jahrelange Freundschaft mit dem spanischen Geigenvirtuosen Pablo de Sarasate, für den Größen wie Max Bruch oder Camille Saint-Saëns Werke schrieben. 1875 wurde Edouard Lalos Erstes Violinkonzert von Sarasate aufgeführt - Lalos erster nennenswerter  Erfolg. Zwei Dinge wusste Lalo sofort: Das nächste Konzert würde er Sarasate widmen, seinem Glücksbringer. Und es würde "Symphonie espagnole" heißen!

Spanische Mode in Frankreich

Die Wahl der spanischen Thematik war bei Lalo keinesfalls zufällig. Erstens sollte das Stück von Sarasate gespielt werden, einem Vollblut-Spanier. Sarasate hatte ihn auch zu den meisten Hispanismen in der Partitur inspiriert. Zweitens floss auch in Lalos Adern spanisches Blut. Seine Mutter, eine geborene Wacquez, konnte ihren Stammbaum über mehrere Generationen spanischer Offiziere zurückverfolgen. Auch äußerlich ähnelte Lalo einem stolzen kastilischen Edelmann: dunkle Haut, schwarze Augen und feine Gesichtszüge. Und drittens war Spanien in Frankreich damals "in". Fast gleichzeitig mit der Symphonie espagnole wurde in Paris Bizets "Carmen" uraufgeführt.

Es ist ein ungewöhnliches Konzert, weil es eigentlich eine Symphonie ist.
Der Geiger Vadim Repin

Mischung aus Symphonie, Solokonzert und Folklore

Der Titel "Symphonie espagnole für Violine und Orchester" sagt alles über den Charakter des Werks und seine Form: Es ist eine höchst originelle Mischung aus Symphonie, Solokonzert und iberisch-folkloristischer Stimmung. Das Charakterstück ist, den außergewöhnlichen geigerischen Fähigkeiten des Widmungsträgers entsprechend, in höchstem Maß effektvoll und virtuos, wie Vadim Repin betont: "Es ist ein ungewöhnliches Konzert, weil es eigentlich eine Symphonie ist. Und diese besteht aus fünf Sätzen. Zwei davon heißen 'Intermezzo', das bedeutet Erholungspause. Der vierte Teil ist eine sehr emotionale Passacaglia. Es klingt wie ein Trauerzug, eine unglaublich tragische Musik und doch mit Elementen von Hoffnung. Gerade diese Stimmungsmischung berührt mich sehr."

Lalos einziger Dauerbrenner

Die Uraufführung der "Symphonie espagnole" im Jahr 1875 war ein grandioser Erfolg. Die verwöhnten Pariser Zuhörer liebten sofort die frischen funkelnden Melodien. Dieses Werk wurde das erste prominente Beispiel für die Spanien-Begeisterung in Frankreich, deren Tradition sich fortsetzen sollte über Chabriers populäre Orchesterrhapsodie "España" bis zu Debussys "Iberia" und Ravels "Rapsodie espagnole". Obwohl Edouard Lalo noch zwei weitere Violinkonzerte, ein Cellokonzert, das Ballett "Namouna" und die Oper "Le Roi d’Ys" komponierte, haben diese Werke nie den Popularitätsgrad seiner "Symphonie espagnole" erreicht.


Konzert-Tipp:

8. Sinfoniekonzert SST 16. und 17. Juni 2019

Unter Spaniens Sonne

Sébastien Rouland, Dirigent
Stéphanie-Marie Degand, Violine
Saarländisches Staatsorchester

Auf dem Programm:

Isaac Albéniz: Iberia-Suite
Édouard Lalo: Symphonie Espagnole d-Moll op. 21
Georges Bizet: Sinfonie Nr. 1 C-Dur


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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