Heinrich Schütz (Foto: Imago/Imagebroker)

Heinrich Schütz: Geistliche Chormusik

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Johann Jahn  

Sendung: Samstag 20.04.2019 10.20 Uhr

Heinrich Schütz:
Geistliche Chormusik

Im Laufe der 87 Jahre seines Lebens schreibt Heinrich Schütz vor allem geistliche Vokalmusik auf deutsche Texte. Am Beginn seiner Karriere aber steht eine Sammlung italienischer Madrigale. Noch als Student in Kassel und vom Landgrafen stark gefördert, reist Schütz 1609 nach Venedig, um beim großen Giovanni Gabrieli zu lernen. "Und dann hat er, wie später Telemann auch, in ganz kurzer Zeit aufgesogen, wie das dort mit dem Wort-Ton Geflecht gemacht wurde", erklärt Hans-Christoph Rademann. "Und was kann man alles in einem Stück musikalisch ausdrücken. Da ist es fast so, dass die Musik überfrachtet wurde mit inhaltlichen Gedanken und Ausdrucksdichte. Aber die Grundlage für das Wort-Ton-Verhältnis wurde in diesen Stücken gelegt, die ja dann Schütz exemplarisch für die deutsche Sprache entwickelt hat."

Inhalt in Ausdruck übersetzt

Das Buch Italienischer Madrigale veröffentlicht Schütz 1611 als Opus 1 und trägt damit entscheidend dazu bei, die italienische Kunst der Vokal-Polyphonie nördlich der Alpen zu tragen. Geschickt und scheinbar mühelos verwebt er Wörter mit Musik, übersetzt Inhalt in klingenden Ausdruck - schwebend leicht, durchsichtig und mit großer Wirkung. Es dauert nicht lange, bis der mächtige Kurfürst Schütz an den Hof nach Dresden holt - zunächst leihweise, vom Dienst des Grafen befreit, dann als festangestellter Kapellmeister der berühmten Hofkapelle.

"Der Amtsantritt in Dresden war so ein Schritt, wo er eine italienisch angehauchte Musik schreibt, die aber deutschen Text hat, nämlich die Psalmen Davids, aber auch sehr viel Repräsentation beinhalten. Pomp, große Besetzungen, vierchörige Werke." So Hans-Christoph Rademann über Schütz' Dresdner Werke. "Nachdem der Dreißigjährige Krieg vorbei war, hat Schütz mit seinen Werken, wenn man so will, die Welt neu sortiert. Er hat da wieder ein Wertesystem errichtet mit seiner Geistlichen Chormusik. Und da dient die Bibel als Grundalge, das ist bei Schütz fast überall so, nicht so wie bei Bach, dass dann irgendwelche Arientexte vertont werden, sondern ganz konkret der biblische Grundlagestoff. Und er hat dann eine Motette geschrieben mit dem Titel 'Ich bin ein rechter Weinstock'".

DER KOMPONIERTE WEINBERG

"Es spricht hier Christus zu den Menschen: 'Ich bin ein rechter Weinstock, mein Vater ist ein Weingärtner'", erklärt Rademann. "Und dann hat er am Anfang einen Kanon geschrieben, der ganz kurz hintereinander startet, mit den gleichen Tönen, aber in unterschiedlicher Tonhöhe, eine Quinte tiefer beginnt die zweite Stimme. Das heißt, der Sohn, der sich selbst beschreibt, singt die gleiche Musik wie Gott, weil er ja Gott ist. Aber er singt es tiefer und kommt ein bisschen später, weil er ja dem Vater nachfolgt.

Er ist ihm also gleich und doch verschieden. Und dann heißt es im Text: 'Mein Vater ein Weingärtner', und da benutzt er Quartsprünge nach oben und kleine Schritte nach unten. Man muss sich das vorstellen wie eine Terrasse hochzusteigen und dann auf einer kleinen Treppe wieder bergab zu laufen. Ich habe immer gedacht: Was könnte das bedeuten? Und habe dann in der Partitur bemerkt, dass da so eine Art Auftürmung von diesen Quart- und Quintsprüngen stattfindet, wie ein Gebirge. Und dann war es mir irgendwann klar: Ich hatte meine Heimat in Radebeul, und habe immer aus dem Fenster geschaut auf einen Weinberg. Da wusste ich: Das ist ein komponierter Weinberg."

WER OHREN HAT ZU HÖREN, DER HÖRE!

Dresdner Kammerchor | Bildquelle: Tage Alter Musik RegensburgZu dieser Zeit ist Schütz bereits ein alter Mann, der seinen Fürsten nach über 30jähriger Dienstzeit schon mehrfach um Versetzung in den Ruhestand gebeten hat. Mit dem dritten Teil seiner "Symphonie sacrae" legt Schütz 1650 nochmal einen großen Wurf vor: farbenfroher Klangreichtum, vielstimmige Chöre, konzertierende Begleitinstrumente und ein meisterlich ausgekostetes Wort-Ton-Verhältnis. Doch fügt Schütz der musikalischen Affektdarstellung hier nicht selten eine tiefer schürfende Ebene hinzu, etwa im mit knapp 10 Minuten längsten Konzert "Es ging ein Sämann aus", nach dem Lukas und Matthäus-Evangelium.

"Da geschehen vier verschiedene Dinge mit diesem Samen", erläutert Rademann dieses Stück. "Er kann zertreten werden, er wird von Dornen überwuchert und erstickt, er fällt auf Felsboden und ist weg, oder er fällt auf fruchtbares Land und geht auf. Aber das Eigentliche, was hier mitgeteilt werden soll, ist etwas völlig anderes: wie der Samen zertreten wird, wie die Dornen stachelig durch einen punktierten Rhythmus tatsächlich vorhanden sind. Es wird dargestellt, wie er vertrocknet, weil einfach die Musik stehenbleibt, und es wird dargestellt, wie der Samen aufgeht, wenn die Musik wie auf Knopfdruck explodiert. Aber letztlich geht es darum: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nämlich damit gemeint, dass dieser Samen die gute Botschaft ist, das Evangelium, das den Hörer erreicht und im Hörer entweder zertreten wird oder von Dornen überwuchert oder nicht beachtet wird oder aufgeht. Und es soll aufgehen. Deswegen heißt es immer 'Wer Ohren hat, der höre', in unterschiedlichster Weise wird das vertont."

AUF GLEICHER STUFE MIT BACH

Auch in den letzten 15 Lebensjahren, in denen sich Schütz nach Weißenfels, den Ort seiner Kindheit, zurückzieht, schreibt dieser große Meister des Frühbarock weiter. Für die Nachwelt also viel Material, um das Hören zu lernen. "Schütz zu begreifen und zu hören ist eine schwierige Aufgabe. Aber wer das macht, wird dafür reichlichst belohnt," weiß Hans-Christoph Rademann. "Er war eigentlich der Vorläufer als solcher für die deutsche Musik. Brahms hat von ihm gelernt. Alle Komponisten haben sich daran orientiert und haben überprüft, wie kann man wörtliche Bedeutungen oder Inhaltsstoffe aus Aussagen in Musik umsetzen kann und welchen Schlüssel man dafür findet. Es ist herrliche Musik. Sie steht Bach in nichts nach, das kann man einfach nicht anders sagen."


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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