Johannes Brahms (Foto: dpa/picture alliance)

Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-Moll, op. 98

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Florian Heurich  

Bei der Uraufführung seiner Symphonie Nr. 4 in Meiningen stand Johannes Brahms selbst am Dirigentenpult - eine Seltenheit. Auch das Stück selbst irritierte die HörerInnen wegen der radikalen Kompositionsweise. Florian Heurich erklärt Brahms' vierte Symphonie im Gespräch mit der Dirigentin Simone Young. Das "Starke Stück" im SR 2-Klassiker am 30. März.

Sendung: Samstag 30.03.2019 10.20 Uhr


Johannes Brahms:
Symphonie Nr. 4 e-Moll, op. 98


Die letzte Brahms’sche Symphonie – ja! Aber ist die Vierte tatsächlich auch ein Abschluss des symphonischen Schaffens? Eine Synthese des bisher Erreichten? Ein Alterswerk ist sie jedenfalls nicht. Immerhin bleiben Brahms nach der Uraufführung 1885 noch mehr als zehn Jahre zu leben. Da schreibt er jedoch vor allem Kammermusik. Als großes Orchesterwerk wird nur noch das Doppelkonzert folgen. Zu einer weiteren Symphonie ringt er sich nicht mehr durch. "Ich glaube, er hat sich zurecht gefunden mit der Form vom ersten und zweiten Satz einer Symphonie", sagt Simone Young. "Das ist in der Zweiten und Vierte Symphonie ziemlich ähnlich, und lediglich ein bisschen gekürzt in der Dritten."

Saure Kirschen?

Entstanden ist die 4. Symphonie, wie so oft bei Brahms, in der Sommerfrische. Auf dem Land, in der Steiermark. Brahms zweifelt jedoch an seinem Werk. Es schmecke nach dem dortigen Klima, in dem noch nicht einmal die Kirschen süß und reif werden, berichtet er mehreren Freunden. Tatsächlich reagieren die Zuhörer zunächst mit einer Mischung aus Bewunderung und Befremden auf die kompromisslose Art dieses Werks.

"Es gibt keine Einleitung, es geht einfach los mit dieser sehr nostalgischen Melodie." Simone Young über Anfang von Brahms' Vierter

Ein Hauch von Licht

"Der erste Satz mit seinem Anfang, diese erste Phrase, über die ganze Doktorarbeiten geschrieben wurden", sinniert Simone Young. "Nur die erste Phrase! Es ist keine Frage und Antwort, dieser Beginn. Es ist quasi Frage und noch eine Frage. Und eine Symphonie so zu beginnen, finde ich sehr modern für diese Zeit. Es gibt keine Einleitung, es geht einfach los mit dieser sehr nostalgischen und melancholischen Melodie. Die aber auch dann wiederum immer wieder einen Hauch von Licht, einen Hauch von Liebe hineinbringt."

Zwei Komponenten

Auch der zweite Satz beginnt ungewöhnlich. Zuerst ein archaisch anmutendes Bläserthema, später dann eine warme, schier unendlich scheinende Kantilene der Celli. "Man lebt fast ein ganzes Leben durch diesen einen Satz", charakterisiert Simone Young das "Andante moderato". "Und es hört nie auf. Es gibt nie die gewohnten Pausen am Ende eines Teils, sondern es schreitet immer weiter. Und dieses Paradox: einerseits das unaufhaltsame Weiterschreiten, andererseits die langsamen Tempi. Ich finde, diese zwei Komponenten ziehen gegen- aber auch miteinander und schaffen dann eine Spannung vom ersten Ton bis zum letzten. Man ist als Interpret bei diesem Stück im Recht, wenn man am Schluss spürt, dass das Publikum die ganze Zeit kaum geatmet hat. Erst am Ende müssen sie alle Luft holen. Da ist solch eine Spannung drin und eine Tragkraft. Es ist, als spreche sich die menschliche Seele in dieser Musik aus."

Drohende Groteske

Es folgt der größtmögliche Kontrast: ein lärmendes, fast burleskes "Allegro giocoso". Einwürfe von Piccoloflöte, Kontrafagott und Triangel geben dem Ganzen einen schon fast grotesk wirkenden Charakter. "Es ist eine gewollte Heiterkeit, die etwas Drohendes hat", findet Simone Young. "Fast ein Teufelstanz. Es ist wieder ein Paradox, nämlich zwischen einem äußerlich eher heiteren Satz und einem bedrohenden Inhalt. Daraus entstehen dann die Spannungen, die man dann als Interpret auskosten kann. Und gerade das macht das Stück so dankbar."

Tor zur Zukunft

Mit der barocken Form einer Passacaglia und einem Bach zitierenden Thema greift Brahms im Finale seiner Vierten Symphonie einerseits auf frühere Epochen zurück, andererseits stößt er gerade mit diesem Schlusssatz das Tor auf für die musikalische Zukunft. "Die schönsten Stellen des Finales sind für mich diejenigen, wo diese sehr merkwürdigen Synkopen mitlaufen", sagt Simone Young dazu. "Die Akzente sind überall, nur nicht auf der Eins. Und diese Synkopen, diese Gegenharmonien und Gegenrhythmen bringen eine Modernität, die bis zu Bartók führt."

Kein endgültiges Schlusswort

So stellen diese finalen Takte im symphonischen Werk von Brahms zwar durchaus eine Krönung seines Schaffens dar; eine große kompositorische und menschliche Reife spricht aus diesen Klängen. Hat Brahms damit aber tatsächlich einen Gipfel erreicht, nach dem es nichts Weiteres mehr zu sagen gibt? Zu welchem Ergebnis kommt Simone Young? "Wenn man die vierten Sätze der vier Symphonien von Brahms anschaut, wird man feststellen, wie arg verschieden die alle sind. Er spielte immer noch mit der Form des Finales. Und ich glaube nicht, dass er jemals sein letztes Wort gefunden hat."


Zu hören auf SR 2 KulturRadio:

Montag, 1. April 2019, 20.04 bis 22.30 Uhr: EuroRadio-Konzert
Konzert aus Lissabon
Beim Konzert des Orquestra Gulbenkian unter der Leitung von Giancarlo Guerrero aus der Gulbenkian Foundation in Lissabon standen am 8. Februar Kompositionen von Antonín Dvorák, Joaquín Rodrigo und Johannes Brahms auf dem Programm. Den Mitschnitt hören Sie am Montag ab 20.04 Uhr auf SR 2 KulturRadio!


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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