Der Komponist Dmitri Schostakowitsch (Foto: dpa/picture alliance/DBQuelle)

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 13 Babij Yar

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Annika Täuschel  

Sendung: Samstag 23.03.2019 10.20 Uhr

Babij Jar. Der Name steht für Gewalt, Grausamkeit und Mord. Babij Yar heißt eine Schlucht bei Kiew. 1941 findet hier eines der größten Massaker des Zweiten Weltkriegs statt. Unter dem Kommando der SS und der deutschen Wehrmacht werden innerhalb von 36 Stunden über 33.000 Juden erschossen. Kinder, Frauen, Männer. Lange erinnert nichts an dieses Massaker. 20 Jahre lang wird es unter Stalin und Chruschtschow totgeschwiegen. Bis 1961 der Lyriker Jewgenij Jewtuschenko genau dieses Tabu mit einem Gedicht anprangert.

Ein Werk für Humanität

Die Veröffentlichung der Verse in der "Literaturnaja gazeta" wird zum Politikum, das Gedicht in 72 Sprachen übersetzt und damit das Massaker über Nacht ins internationale Bewusstsein gerückt. Zum Missfallen der KPdSU, die den Massenmord an Kiewer Juden weiter vertuschen will. Ergriffen von diesem poetischen Mahnmal ist auch Dmitrij Schostakowitsch, der es im März 1962 mit eindrucksvollen Klängen vertont. Danach erst holt er bei Jewtuschenko die Erlaubnis dafür ein und bittet gleich noch um vier weitere Texte – es werden daraus die fünf Sätze seiner 13. Symphonie b-Moll für Orchester, Solo-Bass und Männerchor.

"Es ist wie ein Portrait, denken Sie an Mussorgskijs 'Bilder einer Ausstellung'," erklärt der amerikanische Dirigent John Axelrod. "Das Stück wurde mit einer sehr klaren Intention geschrieben, trotzdem halte ich es nicht für ein jüdisches, sondern für ein russisches Werk. Und namentlich eines für Humanität."

Schostakowitschs Statement zur Tragödie des Faschismus

"Babij Yar" ist der Beiname der 13. Symphonie und der Titel des ersten Satzes: ein Adagio, gut 16 Minuten lang. Ein Satz voll emotionaler Wucht und Anklage, voller Erschütterung, der John Axelrod weder als Musiker noch als Mensch kalt lässt. Zum einen ist da das Gedenken an das Verbrechen an Juden, zum anderen ist es der Ausdruck einer allgemein menschlichen Katastrophe: "In der Musik stecken natürlich Referenzen an jüdische Komponisten und jüdische Musik, aber man kann auch Wagner heraushören. Man findet all diese Verweise, aber es war Schostakowitsch, der hier sein eigenes persönliches Statement abgegeben hat, über die Tragödie des Faschismus, des Stalinismus, die Tragödie vom Verlust des Lebens und dem Willen zu Überleben. Das Licht, das die Dunkelheit überwindet."

Humor im Angesicht der Tragödie

Auch die übrigen vier Sätze und Gedichte der 1962 uraufgeführten Symphonie sind auf jeweils eigene Art ein Abbild sowjetischer Realität, klingende Dokumente des Lebens und Überlebens. Mit "Humor" oder freier übersetzt auch "Witz" ist der 2. Satz überschrieben, ein Scherzo voller beißender Ironie und Groteske, das an Schostakowitschs große Persiflagenkunst in Stücken wie der "Nase" oder früheren Symphonien erinnert. "Der 2. Satz erzählt sehr drastisch, wie fähig die Russen waren und immer noch sind, wenn es darum geht, über ihr Leid zu lachen," sagt John Axelrod. "Das Leiden ist ja untrennbarer Bestandteil der russischen Kultur: Lesen Sie Puschkin oder Dostojewskij, da bekommen Sie schnell eine Idee davon, wie groß die Leidensfähigkeit der Russen ist. Und lesen Sie dann Bulgakow und hören Sie Schostakowitsch, dann verstehen Sie den Humor im Angesicht der Tragödie. Da kommt, glaube ich, der Mut her – die Wahrheit zu sagen, zu lachen über das Leiden, und zu erkennen, dass die Wahrheit am Ende siegen wird."

So düster, aggressiv und tragisch die ersten vier Sätze der 13. Symphonie gehalten sind, so gegensätzlich – hoffnungsfroh und fast friedlich – erklingt das Finale. Rein formal erinnert es an ein klassisches Rondo, überschrieben mit dem Titel "Karriere": "Und dann kommt das Finale, wie ein Licht aus der Dunkelheit! Wenn die Flöten kommen, und Solo-Violine und Solo-Bratsche allein sind, das ist, wie wenn Sie mit einer Kerze in der Dunkelheit laufen. Wenn Sie zu schnell laufen, geht sie aus. Wenn Sie reden, geht sie aus. Wenn ein Luftzug kommt, geht sie aus! Aber sie muss brennen. Also gehen sie auf Zehenspitzen und ganz langsam. Das ist die Atmosphäre, das ist das Gefühl, das wir erzeugen wollen", sagt John Axelrod.


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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