Das starke Stück: W. A. Mozarts Violinkonzert A-Dur KV 219

Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert A-Dur KV 219

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Andreas Grabner | Online-Fassung: Thomas Schulz  

Einen guten Monat vor seinem 20. Geburtstag vollendete Mozart sein Violinkonzert A-Dur KV 219 als Abschluss einer Reihe von insgesamt fünf Solokonzerten für Geige. A-Dur steht bei Mozart stets für eine Fülle von Schönheit. Doch Mozart wäre nicht Mozart, würden sich nicht gelegentlich auch sinistre, ja dämonische Untertöne finden.

Sendung: Samstag 09.02.2019 10.20 Uhr

Andreas Grabner im Gespräch mit Anne Sophie Mutter

Violine (Foto: Astrid Klein/SR)

"Mein Herz, was webst du für Erinnerung?", hat Eduard Mörike einmal dichtend gefragt. Ja, welche Erinnerung webt Mozarts Herz hier, zu Beginn des A-Dur-Violinkonzerts? Und welche unseres, wenn wir diese Musik hören? So schnell, wie sie kam, ist sie dann wieder gegangen, diese plötzliche Adagio-Anwandlung aus Traum und Wehmut, hat sich aufgelöst in flirrendes Allegro und das seraphische Licht von A-Dur. Mozart und die Tonart A-Dur: eine Liebesbeziehung!

Ob in der im Jahr vor unserem Violinkonzert entstandenen träumerisch schwebenden A-Dur-Symphonie KV 201, ob in der A-Dur-Klaviersonate KV 331 mit ihrem zarten Variationensatz, ob im späten Klavierkonzert KV 488, wo sich das A-Dur im Mittelsatz in weltverlorenes fis-moll wandelt, oder ob in Mozarts allerletztem Instrumentalkonzert, dem jenseitig sich aussingenden Klarinettenkonzert. Immer wieder scheint A-Dur bei Mozart für eine Fülle der Schönheit zu stehen, die fast schmerzt, weil sie vergehen muss. Und mag sich dieser Zusammenhang zwischen Schönheit und Vergänglichkeit beim späten Mozart zur Gewißheit verdichten, als Ahnung ist er auch hier, in diesem Violinkonzert, immer untergründig präsent.

"Bei den Neuaufnahmen war unsere Streicherbesetzung klein." Die Geigerin Anne-Sophie Mutter

Von Äther-Licht und schmerzlicher Ferne

Im weiträumigen E-Dur-Adagio verwandelt sich das Äther-Licht des ersten Satzes in einen zarten Schimmer. Die Solo-Violine stimmt einen innigen Gesang an, und wie in dem Adagio-Einschub am Beginn des ersten Satzes schweift sie bei ihrem Singen immer wieder für Augenblicke ab, scheint sich nach Moll wie in eine schmerzliche Ferne zu verlieren: Seelenbewegungen, deren Innerlichkeit nicht nur bei der Solo-Stimme feinstes Fingerspitzengefühl erfordert, sondern auch in der Behandlung des Orchester-Apparats. "Bei den Neuaufnahmen der Konzerte war unsere Streicherbesetzung klein", erinnert sich Anne-Sophie Mutter. "Das gibt dem Ganzen eine Spritzigkeit, eine Privatheit sowie eine Spontaneität, die mit einem Riesenschiff einfach nicht möglich ist. Das ist eine ganz andere Klangästhetik und damit auch eine andere Ästhetik der Phrasierung."

"Die Alla-turca-Passage hat etwas sehr Dämonisches, fast Gefährliches an sich." Anne-Sophie Mutter

Düsterer Spuk mit offenem Ende

Anne-Sophie Mutter  (Foto: Monika Höfler)
Anne-Sophie Mutter (Foto: Monika Höfler)

Das Finale des A-Dur-Konzerts beginnt rokokohaft-galant, wie man es für eine Komposition des Jahres 1775 für ganz natürlich halten würde: mit einem liebenswürdig zarten Menuett. Doch Mozart wäre nicht Mozart, hätte es damit schon seine ganze Bewandtnis. "Mozart hat immer wieder gerne überraschend Derbes eingeschoben - zum Beispiel dieses 'Alla turca' im Finale des A-Dur-Konzerts, erklärt Anne-Sophie Mutter. "Ich glaube, es hat etwas sehr Dämonisches, fast Gefährliches an sich. Ich denke immer an das Säbelrasseln in der 'Entführung aus dem Serail'"". Die fratzenhafte Kehrseite von A-Dur, nämlich a-Moll, steht bei Mozart die wenigen Male, da er diese Tonart verwendete, für unruhige Depressivität. Und wäre des Bedrohlich-Düsteren noch nicht genug, lässt er die Bässe in dieser Episode "coll' arco al rovescio" spielen, also mit dem Bogenholz, nicht dem Roßhaar auf die Saiten schlagen. Die Sologeige stimmt mit ein in den seltsamen Spuk - dann allerdings kehrt, als wäre gar nichts gewesen, das beschauliche Menuett zurück. Was war nun Maske? Was das wahre Gesicht? Mozart verbeugt sich ein letztes Mal, mit einer nach oben gerichteten Piano-Geste, die Antwort aber bleibt er - wie immer - schuldig.


Im Konzert:

Freitag, 15. Februar 2019 | 20 Uhr | Funkhaus Halberg, Großer Sendesaal
3. STUDIOKONZERT SAARBRÜCKEN
Nordische Runen und lichte Klassik


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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