Cello-Steg (Foto: DRP/Marco Borggreve)

Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento Es-Dur, KV 563

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Bernhard Neuhoff | Online-Fassung: Thomas Schulz  

Mozarts einziges Streichtrio, das Divertimento KV 563, steht im Ruf, höllisch schwer zu sein – und das durchaus mit Recht. Für das "starke Stück im Klassiker" vom 2. Februar hat Bernhard Neuhoff ausführlich mit dem Geiger Benjamin Schmid gesprochen. Eine "unglaublich vielschichtige Musik, die alle kompositorischen Ansprüche aufs Ernsthafteste erfüllt", meint Schmid über die Komposition.

Sendung: Samstag 02.02.2019 10.20 Uhr

Bernhard Neuhoff im Gespräch mit dem Geiger Benjamin Schmid

Wenn Mozart der Sonder- und Glücksfall unter den Komponisten ist, Gegenstand eines Staunens, das wächst, je mehr man von ihm kennt, und einer Sucht, die zunimmt, je mehr man ihr nachgibt, dann ist das Divertimento für Streichtrio ein Glücks- und Sonderfall in Potenz. Dass es so ein Stück geben würde, war und ist eigentlich gar nicht vorgesehen in einer Welt, in der rein statistisch das Mittelmaß dominiert, dominieren muss.

"Das ist unglaublich vielschichtige Musik, die alle kompositorischen Ansprüche aufs Ernsthafteste erfüllt." Der Geiger Benjamin Schmid über das Divertimento KV 563

Divertimento als Geheimtipp

Andreas Hofmeir und Benjamin Schmid (Foto: Wolfgang Lienbacher)
Andreas Hofmeir und Benjamin Schmid (Foto: Wolfgang Lienbacher)

Man kann es auch leicht übersehen; selbst unter Kammermusikfans ist das Divertimento für Streichtrio ein Geheimtipp. Ja, es wirkt fast wie eine bewusste Tarnung, dass Mozart für ein derart experimentelles Stück den Titel Divertimento wählt - so als hätte er hier bloß ein bisschen angenehme Hintergrund-Musik für irgendwelche tafelnde Adelige zusammengestellt. Der Geiger Benjamin Schmid sagt dazu: "Mozart hat sich seinen Teil dabei gedacht. Es gibt ja von ihm die frühen Salzburger Divertimenti, das waren ja damals Unterhaltungsmusiken. Ganz anders jedoch dieses große Divertimento KV 563: Das ist unglaublich vielschichtige, sozusagen 'seriöseste' Musik, die alle kompositorischen Ansprüche aufs Ernsthafteste erfüllt."

Natürlich kann man diese Musik auch mit halbem Ohr hören, auch dann ist sie wunderschön, auch dann funktioniert sie. Aber man kann eben auch die übrige Welt ausblenden und nichts tun als zuhören, so aufmerksam, so oft und so genau man will – die einzige Grenze dabei ist, dass das Stück, auch wenn man alles um sich herum glücklich vergessen hat, nach einer knappen Dreiviertelstunde zu Ende ist - leider.

Tiefgründige Kammermusik

Wolfgang Amadeus Mozart (Foto: dpa)
Wolfgang Amadeus Mozart (Foto: dpa)

Bei seinem Divertimento hatte Mozart weder einen Auftraggeber noch eine Konvention, an der er sich hätte orientieren können. Das Streichtrio war keine etablierte Gattung, und ob es im Wien des Jahres 1788 überhaupt einen Cellisten gab, der diese exorbitant schwere Stimme hätte spielen wollen oder auch nur können, ist eine durchaus offene Frage. Das Divertimento für Streichtrio ist ein Experiment, das ganz auf Mozarts eigene Rechnung geht. Es ist nicht nur sein einziges Werk für diese Besetzung, es ist seine längste und vielleicht auch tiefgründigste Kammermusikkomposition überhaupt – und mit Sicherheit, was bei diesem Komponisten kein Widerspruch ist, zugleich auch eine seiner kurzweiligsten.

Unspielbar?

Andreas Hofmeir und Benjamin Schmid (Foto: Wolfgang Lienbacher)
Andreas Hofmeir und Benjamin Schmid (Foto: Wolfgang Lienbacher)

In seinem Streichtrio kennt Mozart keine festen Rollenverteilungen. Alle Instrumente kommen dran, jeder darf sich hier aussingen, gelegentlich auch austoben. Mal ist die Geige Begleitinstrument, mal übernimmt die Bratsche den Bass, und das Cello wird stellenweise in schwindelnde Höhen getrieben. "Es ist insgesamt ein höchst virtuoses Werk, das lange Zeit als unspielbar galt", erklärt Benjamin Schmid. "Es proben sich übrigens auch heute noch die Leute bei diesem Stück die Seele aus der Brust. Uns ist es nicht anders ergangen; es ist extrem diffizil, es ist eine Mozart'sche Virtuosität im besten und höchsten Sinn."

Musikalischer Achttausender

Sechs Sätze hat das Divertimento. Das Ganze wird eingerahmt von zwei schnellen am Beginn und am Schluss, dazwischen stehen zwei langsame Sätze, jeweils gefolgt von einem Menuett. Der dritte Satz zum Beispiel, das erste Menuett, verschiebt den Schauplatz ins Freie. Ein Zwiefacher wird da getanzt. Der vierte Satz, ein Andante mit Variationen, schickt ein scheinbar simples Thema durch Himmel und Hölle. Anschließend, im zweiten Menuett, hört man Hornquinten und typische Jagdmotive. Für Geiger Benjamin Schmid ist dieses Divertimento bis hin zum Finale ein Achttausender der Kammermusik – vergleichbar nur mit dem Schubert-Quintett oder den späten Beethoven-Quartetten.

Die Metapher vom Achttausender hat übrigens einen ganz konkreten Hintergrund, sagt Schmid: "Die Streichtrios waren für mich eine Erfahrung, die ich zum ersten Mal in einer Ski- und Kammermusikwoche als Jugendlicher machen durfte. Wir sind den ganzen Tag Ski gefahren und haben die ganze Nacht Kammermusik gemacht. Irgendwann war auch mal dieses Divertimento dabei, und wir haben es zu dieser sehr, sehr späten Stunde kaum fassen können, welches Glück uns da zuteilwird, dass diese Musik existiert."


Im Konzert:

2. DRP-Ensemblekonzert Forbach
Mittwoch, 6. Februar 2019 | 20 Uhr | Burghof Forbach

Benjamin Rivinius (Foto: Astird Karger)
Benjamin Rivinius (Foto: Astird Karger)

Im Klein- und Großformat

Margarete Adorf, Violine
Benjamin Rivinius, Viola
Claire Min-Jung Suh-Neubert, Violoncello
Theo Plath, Fagott

Allan Stephenson: Miniature quartet für Fagott, Violine, Viola und Violoncello
Ludwig van Beethoven: Duo für Viola und Violoncello Es-Dur WoO 32 („Duett mit zwei obligaten Augengläsern“)
François Devienne: Quartett für Fagott, Violine, Viola und Violoncello C-Dur op. 73 Nr. 1
Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento für Violine, Viola und Violoncello Es-Dur KV 563


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

Artikel mit anderen teilen