Violine (Foto: Astrid Klein/SR)

Niccolò Paganini: Violinkonzert Nr. 4

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Julia Smilga; Online-Fassung: Thomas Schulz  

Erst nach Paganinis Tod wurden seine sechs Violinkonzerte veröffentlicht, von denen eigentlich nur die ersten beiden Eingang ins Konzert-Repertoire fanden. Das erst später entdeckte Konzert Nr. 4 in d-Moll ist bis heute eine Art Geheimtipp. Julia Smilga stellt es zusammen mit dem Geiger Ingolf Turban vor.

Sendung: Samstag 05.01.2019 10.20 Uhr

Julia Smilga im Gespräch mit Ingolf Turban

Ingolf Turban weiß alles über Paganini. Der Geigen-Professor an der Münchner Musikhochschule hat nicht nur Paganinis sechs Konzerte für Violine auf CD aufgenommen – er hat den Komponisten und Geigenvirtuosen sogar in einer Filmdokumentation mit dem Titel "Paganinis Geheimnis" selbst gespielt. Ist es nun Ingolf Turban gelungen, das Geheimnis der Teufelsgeigerei zu lüften? "Paganini, der Teufelsgeiger, der Dämon – das war das Klischee, an dem er selbst nicht ganz unschuldig mitgestrickt hatte", erklärt Turban. "Dass er so aussah, wie er aussah, war gewiss noch nicht das Ergebnis beratender Visagisten, er war schlicht und einfach krank, er hatte kaum Zähne, hatte die unglaublichsten Krankheiten parallel und ist mit seinem kümmerlichen Brustkorb und allerlei anderen gesundheitlichen Problemen dennoch auf das Podium gekrochen. Und wie er darauf kroch: Das hat bei sehenden Zeitgenossen regelmäßig erst mal gewisses Mitleid hervorgerufen. Man dachte, da kommt so ein armer Lump. Und dann kam als Gegengewicht: singuläres Geigenspiel."

Paganinis düstere Aura

Von Paganinis Spiel gibt es natürlich keine Aufnahme, nur Beschreibungen seiner Zeitgenossen, die eines aussagen: Paganini begeisterte beispiellos. Was seine Musik ausmachte, war vor allem die Show. Paganinis düstere und unheimliche Aura brachte zusammen mit seiner neuartigen virtuosen Technik und wüsten Spielweise sein Publikum zum Rasen. Dem leidenschaftlichen Geiger flogen die Frauenherzen nur so zu.

Schicksalhafte Begegnung

1828 bricht der damals bereits 46-jährige Paganini zu einer Europatournee auf. Diese dauert sechs Jahre und lässt keine halbwegs wichtige europäische Stadt aus. In Nürnberg besucht die 20-jährige Baronin Helene von Dobeneck Paganinis Konzert. Paganini beschreibt die schicksalhafte Begegnung im Brief an seinen Freund Luigi Germi: "Nachdem sie mich gesehen und gesprochen hatte, hat sie sich so sehr in mich verliebt, dass sie keine Ruhe mehr fand und zugrunde ginge, wenn sie mich nicht besitzen könnte. Die Gefühle dieser Frau trafen mich so tief, dass ich sie achten und lieben musste. Sollte ich diese junge Frau heiraten, hätte ich eine gute Ehefrau."

Violinkonzert als Liebeserklärung

Gäbe es da nicht ein kleines Problem: Die Baronin von Dobeneck, geborene Feuerbach, ist bereits verheiratet. Die Begegnung mit Paganini macht ihr klar: Ihre Ehe war ein Fehler. Während Helene versucht, sich aus den Zwängen ihrer Familie zu befreien, komponiert der verliebte Paganini sein Violinkonzert d-Moll; eine einzige Liebeserklärung, die aber auch die Unmöglichkeit dieser Liebe erahnen lässt. Warum Paganini bald nach der erfolgreichen Uraufführung in Frankfurt im April 1830 die Stadt Hals über Kopf verlässt und damit der schönen Helene den Rücken kehrt, bleibt für immer ein Geheimnis. Vielleicht, weil sie evangelisch war und er katholisch? Vielleicht hatte er auch einfach Angst, sein ungebundenes Leben aufgeben zu müssen. "Die Baronin von Feuerbach muss sich wohl um diese Wochen komplett aus ihrer eigenen Familie gelöst haben", vermutet Ingolf Turban. "Das ist bekannt, sie hat die Scheidung eingereicht und wollte mit Paganini fortziehen. Wenn wir dann speziell auf diesen Mittelsatz, auf dieses 'Adagio flebile' zurückkommen und uns vorstellen, welcher Abschiedsschmerz da zu vernehmen ist, dann ist es äußerlich laut Paganini der Abschied von Frankfurt – aber innerlich wohl Abschied von der Baronin von Feuerbach."

Da ist eine wunderbare Farbvielfalt – nicht zuletzt im Orchestersatz. (Ingolf Turban über Paganinis Violinkonzert Nr. 4)

Oper für Violine und Orchester

Das Vierte Violinkonzert bleibt für immer ein klingender Beweis von Paganinis Liebe zu seiner Helene. Eigentlich ist es eine Oper für Violine solo und Orchester. Es fehlt nicht an Dramatik, die Sätze haben den Charakter von Opernarien, in denen die Singstimme durch die Violine ersetzt wird. Die Palette der technischen Herausforderungen reicht von schmachtenden Kantilenen, rasenden Läufen, Arpeggien und weiten Sprüngen bis zu Springbogentechnik, Flageoletts und Doppelgriffen. Für Ingolf Turban ist gerade das Vierte Violinkonzert ein Meisterwerk des Komponisten Paganini: "Und zwar wegen der differenzierten Behandlung des thematischen Materials, die Abwechslung zwischen eben demselben. Da ist eine wunderbare Farbvielfalt – nicht zuletzt im Orchestersatz. Ich würde sagen, Paganini hat speziell mit dem Vierten Konzert in die Belcanto-Welt gefunden, die ihn umgeben hatte, und er hat das virtuose Element ganz und gar in den Dienst einer dramaturgisch-fantastisch gebauten Musik gestellt: Daher stellt dieses d-Moll-Konzert für mich unter seinen Konzerten eindeutig einen Gipfelpunkt dar."


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de