Der Komponist Maurice Ravel (Foto: dpa / picture alliance / Belga)

Maurice Ravel: "La Valse"

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

Von Julika Jahnke  

Natürlich geht es um den Walzer in Ravels Tondichtung. Aber dieses Werk ist weit entfernt von leicht beschwingter Wiener Walzerlaunen. Der Komponist schrieb es unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Julika Jahnke stellt das starke Stück zusammen mit dem Dirigenten Stéphane Denève vor.

Sendung: Samstag 29.12.2018 10.20 Uhr

Julika Jahnke im Gespräch mit dem Dirigenten Stéphane Denève

"Es ist ein großes Meisterwerk, für mich vielleicht das größte Meisterwerk von Ravel. Ich finde dieses Stück so interessant, weil es von der Stadt Wien inspiriert ist und (...) dieser deutsch-österreichischen Kultur - und Ravel war französisch. Für mich als Franzose, der jetzt in Stuttgart wohnt, hat dieses Stück etwas Besonderes." Stéphane Denève, Dirigent

Als Maurice Ravel im Jahr 1920 die Symphonische Dichtung "La Valse" fertig stellte, hatte sie noch einen ganz anderen Namen: Sie hieß "Wien". Denn es sollte darin um "Wien und seine Walzer" gehen. So hatte sich Sergej Diaghilew, der Gründer und Leiter des Ballets Russes, dieses Auftragswerk gewünscht, als eine Ballettmusik. Erst nach dem Ersten Weltkrieg änderte man den Titel in das neutrale "La Valse", denn Wien beziehungsweise Österreich waren jetzt für die Franzosen mit traumatischen Erinnerungen behaftet. Es geht natürlich in dieser Musik immer noch um die Heimat des Wiener Walzers, das hört man sofort – aber Ravel ging es damals um noch viel mehr, erklärt Stéphane Denève. "Es ist eine Tragödie, eine Todesahnung (...). Es ist sehr wehmütig. Wie er ganz am Anfang diesen neuen Klang macht, mit nur Kontrabass in sehr tiefen, langsamen Trillern. Und dann dieser Herzschlag, der fängt an mit Pizzicati, Harfen und Pauken und Fragmenten von den Melodien, mit Fagott und Bassklarinette. Das ist so eine unglaubliche dunkle Atmosphäre, das hat mich immer fasziniert."

Als "Porträt eines Balletts" abgelehnt

Ravel nannte sein Werk ein "Poème choreographique", also ein choreographisches Gedicht und hatte das Ballett dabei wohl fest im Blick. Doch Diaghilew lehnte das Auftragswerk schon nach dem ersten Hören ab: Er fand, es sei keine wirkliche Ballettmusik, sondern mehr das "Porträt eines Balletts". "La Valse" wurde schließlich im Dezember 1920 als reines Orchesterstück uraufgeführt. Die Musik zu diesem Werk hatte Ravel aber schon sehr lange im Kopf. Er griff dabei auf Material zurück, das er seit 1906 gesammelt hatte. Dabei ist Stéphane Denève besonders wichtig, dass hier drei verschiedene Einflüsse aufeinandertreffen: zuerst das typisch Wienerische, manche Melodie klingt wie bei Johann Strauß. Auch der wogende Rhythmus des Wiener Walzers wird voll ausgekostet:

"Dieses 1-2-3, 1-2-3 mit dem zweiten Schlag ein bisschen früh und dem dritten Schlag eine Spur später: Das ist Wien. Aber es gibt in diesem Stück auch einen französischen Einfluss, nicht nur in den Farben, sondern auch in einigen Melodien. Das ist mehr eine französische Valse. Unsere Valse in Frankreich kommt mehr von der Gavotte, vom Menuet und ist ohne Rubato, ist 1-2-3 – 1-2-3. Und wenn Sie hören daditi-datidati-datidati, das ist für mich wirklich sehr französisch.(...) Der größte Einfluss ist leider der Militäreinfluss. Und ein Militärmarsch ist: 1-2, 1-2, 1-2. (...) Dieser Rhythmus dringt immer mehr ein und kämpft gegen den Walzerrhythmus."

Vorahnungen der drohenden Zerstörung

Dazu lässt Ravel die Walzerklänge auch noch durch impressionistische Rhythmen und Harmonien verschwimmen. Schließlich ist die glanzvolle Welt des Walzers zerstört – die Welt des 19. Jahrhunderts. Ravel soll von der Idee einer Auflösung des Walzers fasziniert gewesen sein. Er stellte sich vor, dass "La Valse" am Kaiserhof von Wien spielen sollte, im Jahr 1855. Immerhin war er ja davon ausgegangen, dass es eine Ballettmusik sein sollte. In der subtilen Klangwelt, die er hier entwickelt, gibt es schon zu Beginn zahlreiche Vorahnungen der drohenden Zerstörung, mit düster knarzenden Holzbläsern und unheilvoll schrägen Harmonien.

"Es gibt auch Glissandi (...) mit Flatterzunge. Und es klingt für mich wie eine Weltkriegssirene. Und überall macht er die schönsten Melodien, aber mit einer Begleitung, die klingt manchmal wie eine schlechte Verdauung (...). Diese Klänge in Klarinetten, Cello und Kontrabass. Es klingt wie Erbrochenes, wirklich furchtbar." Auch hier erweist sich Ravel einmal mehr als ein Meister der Orchestrierens. Er spickt seine Partitur mit feinsten Details, die herausgearbeitet sein wollen. Die Fülle an Klangfarben hat Denève schon als Teenager ausgekostet. Damals hat er die Klavierfassung von "La Valse" immer wieder gespielt. Am Ende des Werkes ist hier dann klanglich endgültig die Moderne erreicht. Für Denève ist der rabiate Rhythmus im letzten Takt faszinierend – als wenn Ravel sagen wollte:

"Es ist jetzt wie ein Zug: viel Geschwindigkeit, direkt auf eine Wand zu - und die Wand ist der Erste Weltkrieg." Stéphane Denève, Dirigent

"La Valse", das ist für Denève eben kein launiges Bravourstück. Und ein Orchester sollte nicht versuchen, darin besonders schön und brillant zu klingen. "Es muss wirklich ein Horror-Movie sein für mich. Und am Ende bin ich immer sehr berührt, weil ich das Gefühl habe, es ist wirklich ein Todeststück, ein Trauerwalzer, muss ich sagen. Das ist sehr sehr schwer."

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