Das starke Stück: Georges Bizets "Jeux d’enfants"

Georges Bizet: "Jeux d’enfants"

Das starke Stück im SR 2-Klassiker

von Michaela Fridrich  

Man kennt ihn vor allem als Schöpfer eines der größten Opernerfolge aller Zeiten. Dass der Franzose außer seiner "Carmen" auch großartige Musik für Klavier komponierte, ist weniger bekannt. So schuf er 1871 den zwölfteiligen Zyklus "Jeux d'enfants" für Klavier zu vier Händen, der zu seinen wichtigsten Werken zählt. Michaela Fridrich stellt das Werk gemeinsam mit dem Klavierduo Tal & Groethuysen vor.

Sendung: Samstag 08.12.2018 10.20 Uhr

Georges Bizet:
„Jeux d’enfants“

Wie geschaffen für einen musikalisch nostalgischen Blick auf die Welt der Kindheit scheint die Gattung der Klavierminiatur zu sein. Seit der Entstehung von Robert Schumanns "Kinderszenen" im Jahr 1838 haben sich Komponisten immer wieder diesem Genre zugewandt, wenn sie Musik über Kinder schrieben. In George Bizets vierhändigem Klavierzyklus "Jeux d'enfants", also "Kinderspiele", aus dem Jahr 1871 erinnert das Wiegenlied "La Poupée" am ehesten an das Vorbild Schumanns. Ein weiteres Vorbild aus Deutschland hört Andreas Groethuysen vom Klavierduo Tal & Groethuysen im ersten Stück des Zyklus', das lautmalerisch ein schaukelndes Kind porträtiert: "Ich finde, dass sich neben dieser kontinuierlichen Bewegung, diesem Auf und Ab im Hintergrund, eine Melodie in Bewegung setzt. Und die erinnert mich sehr stark an Wagner, und zwar an den 'Schwan'!"

Bizet und Wagner?

Ein Zitat aus Richard Wagners "Lohengrin" in der Kammermusik eines französischen Komponisten? Tatsächlich war Georges Bizet zur Entstehungszeit der "Jeux d'enfants" beim französischen Publikum als Wagnerianer in Verruf geraten – wie so viele seiner Zeitgenossen, die sich in ihrer Musik Neuem gegenüber aufgeschlossen zeigten. Bizet begegnete dem Vorwurf mit einem für ihn typischen Humor, der sich nicht nur im Wagner-Zitat offenbarte. Ein schönes Beispiel ist die Darstellung eines kreiselspielenden Kindes in "La Toupie".

Das Negative findet nicht statt

Bizets französischer Humor distanziert seine Klavierstücke durchaus wieder von Vorbildern wie Schumann oder Wagner. Und Yaara Tal, Andreas Groethuysens Klavierpartnerin, findet noch einen weiteren wesentlichen Unterschied: "Die Stücke von Schumann sind sozusagen 'trüber'. Sie reflektieren nicht nur die Heiterkeit und die spielerischen Elemente der Kindheit, sondern auch ihre traumatischen Momente – Trauer, Unglück, Angst. Bei Bizet stehen die heiteren Momente der Kindheit im Vordergrund: das Spiel, die Zuversicht und das Vergnügen."

Pianistische Herausforderung

So überwiegt im gesamten Zyklus die heitere Note. Der Gestus des Leichten, ja Schwebenden wird in vielen Stücken geradezu sinnlich spürbar, wie in "Les Bulles de Savon", das für nur drei Hände komponiert ist. Doch Yaara Tal weiß: "Es ist nicht ohne, Dieses Stück schön zu gestalten und die Spannung aufzubauen – wie die Seifenblasen nach oben schweben und zerplatzen. Die Leichtigkeit der Kindheit ist hier besonders schön dargestellt." Das, was so leicht klingt, entpuppt sich dabei oft als eine echte pianistische Herausforderung: Zumal wenn man die Messlatte in Bezug auf präzises und synchrones Zusammenspiel so hoch hängt wie das Klavierduo Tal & Groethuysen, beispielsweise in "Le Volant", zu Deutsch "Federball": "Es ist sicherlich eines der delikatesten Stücke des Zyklus'", sagt Andreas Groethuysen. "Vom Pianistischen her betrachtet liegt die Herausforderung darin, die feinen Läufe nach oben zu ziehen. Es muss eine Leichtigkeit haben und auch Humor, und dies beim Spielen darzustellen – das ist für mich mit das Schwierigste."

Ein angenehmer Marsch

Der hohe pianistische Anspruch der "Jeux d'enfants" basiert wohl auf Bizets eigenen Qualitäten als Klaviervirtuose, die selbst Franz Liszt bewunderte. So fordert jedes der zwölf Stücke des Zyklus' die Interpreten auf seine Weise und ist dabei schwer, ohne je schwerfällig zu wirken. Selbst ein Marsch wie "Trompette et Tambour", also "Trompete und Trommel", wahrt französische Eleganz. "Mich erinnert dieses Stück an das Torerolied aus 'Carmen'", sagt Yaara Tal. "Es ist eines meiner Lieblingsstücke aus diesem Zyklus. Dieser Marsch hat etwas Heiteres, er ist sozusagen angenehm zu gehen."

Spätere Orchesterfassung

Tatsächlich sind die "Jeux d'enfants" nur zwei Jahre älter als Bizets Oper "Carmen" und zählen wie diese zu seinen großen Meisterwerken. Das gilt in besonderem Maße für die ursprüngliche Klavierfassung zu vier Händen, die der Komponist ein Jahr später, 1873, in einer orchestrierten Version als "Petite Suite" herausbrachte.

Eine "Carmen" für Pianisten

"Der ganze Zyklus ist ein absolutes Meisterwerk", begeistert sich Andreas Groethuysen. "Da sitzt jede Note absolut präzise an ihrem Platz. Man kann sich keinen Takt anders vorstellen. Insofern hat es für die Pianisten die gleiche Bedeutung wie 'Carmen' für die Opernsänger."


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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