Franz Schubert (Foto: Imago/Imagebroker)

Franz Schubert: Symphonie Nr. 3 D-Dur

Das Starke Stück im SR 2-Klassiker

 

Franz Schubert war noch nicht einmal 20 Jahre alt, als er seine Dritte Symphonie komponierte. Florian Heurich hat sich mit dem Dirigenten Pablo Heras-Casado darüber unterhalten, wie viel Tiefgang und vor allem Raffinesse - bei aller jugendlichen Unbekümmertheit - in diesem Werk steckt.

Sendung: Samstag 09.06.2018 10.20 Uhr


Franz Schubert:
Symphonie Nr. 3 D-Dur


Mit majestätischer Grandezza scheint sich zu Beginn der Dritten Symphonie langsam der Bühnenvorhang zu öffnen. Helle Flöten- und Streicherklänge mischen sich mit düsterem Wabern im Orchester. Noch ist nicht klar, welche Art Spektakel den Zuhörer erwartet. Drama oder Komödie? Schubert macht es zuerst einmal spannend in dieser Introduktion. Mit den ersten Klarinettentönen wird dann aber sofort klar: Hier folgt ein heiteres, leichtes und unterhaltsames Stück.

"Das ist ein humorvolles Thema", sagt der Dirigent Pablo Heras-Casado. "Eigentlich ein sehr einfaches Thema, aber rhythmisch sehr lebhaft. Das ist ein Cantabile, und man muss dem Ganzen auf jeden Fall eine gewisse Perspektive, einen gewissen Weitblick  geben. Gerade die Sparsamkeit und Schlichtheit der musikalischen Mittel machen dieses Werk nämlich interessant. Es ist nicht naiv oder einfältig. Es ist einfach! Und das gibt dieser Musik Wert und Tiefe. Schubert hat diese Symphonie in einem einzigen spontanen Impuls geschrieben. Er komponierte sie mit großer Leichtigkeit und mit wild aufbrausendem Temperament. Deshalb ist das Stück voller Leben, voller Licht, voller rhythmischem Schwung. Aber man erkennt selbst in diesem Jugendwerk schon den Schubert-Stil."

Kein langsamer Satz

Die großen Symphoniker der Wiener Klassik Mozart, Haydn und Beethoven haben bei dem jungen Schubert ihre Spuren hinterlassen. Mit leichter Hand werden die Themen nach allen Regeln der Kunst verarbeitet. Oftmals überrascht Schubert aber durch sehr individuelle harmonische Wendungen und bricht so das vorgegebene Regelwerk immer wieder auf. Ein langsamer, meditativer Satz fehlt komplett in dieser Symphonie der unbeschwerten Lebenslust. Stattdessen steht an zweiter Stelle ein Allegretto. "Ich denke, das Allegretto, auch wenn es nicht die Rolle eines nachdenklichen und expressiven Adagios übernehmen kann, ist dennoch ein Moment der Ruhe und des Ausblicks", so Heras-Casado. "Es ist ein Satz in freundlichem, gemäßigtem und ruhigem Tempo - aber immer noch, wenn man so will, mit leichtem Herzen. Und das funktioniert sehr gut!"

In privater Umgebung geprobt

Die Dritte Symphonie wurde zunächst nur im privaten Kreis aufgeführt. Zum ersten Mal erklang sie in der Wohnung des Wiener Kaufmanns Franz Frischling in der Dorotheergasse, wo sich unter der Leitung des Geigers Joseph Prohaska  einmal in der Woche Berufsmusiker und Amateure zum gemeinsamen Musizieren trafen. Die Wiener Öffentlichkeit bekam von solchen oft ungezwungenen musikalischen Treffen nichts mit. Zu einer vollständigen Aufführung des Werks kam es erst nach weiteren zwanzig Jahren. Das zeigt die damalige Geringschätzung und Sorglosigkeit gegenüber Schuberts frühen Kompositionen.

Verquere Tänze

Eine gewisse Volkstümlichkeit schwingt in Schuberts Symphonie mit: im Menuett des dritten Satzes oder im Walzer-Trio der Holzbläser, mit dem die derbe Atmosphäre Grinzinger Heurigenlokale heraufbeschworen wird. Tanzen kann man solche Rhythmen allerdings nicht mehr.

Auch der letzte Satz ist ein volkstümlich anmutender Tanz, der hier aber weiterentwickelt und raffiniert verarbeitet wird: eine Tarantella, die sich zum Finale hin rauschhaft steigert.
Heras-Casado: "Ich denke, Schubert hat diesen Tarantella- oder Saltarello-Rhythmus gewählt, weil er in seinem Allegro con brio-Finale bis an die Grenzen gehen wollte. Ganz am Ende, in der Coda dieses Saltarello gibt es nochmal eine Steigerung, sowohl in der Dynamik als auch in der Harmonie. Hier erkennt man sehr deutlich die Einflüsse von Beethoven und dem Finale aus dessen Achter Symphonie".

Komödie mit Hintergrund

Mit dem majestätischen Beginn seiner Dritten Symphonie hatte Schubert also in einem spielerischen Kunstgriff zunächst auf eine falsche Fährte geführt. Das Drama wird jedoch schnell zur Komödie - eine Komödie indes mit durchaus tieferen Dimensionen: "Man darf bei Schubert niemals das Cantabile und die Melodie aus den Augen verlieren. Jede kleine Geste, jede kleine melodische Wendung muss gut gesungen und gut phrasiert werden. Und ich denke, dass man dadurch der Musik Intensität und Tiefgründigkeit verleihen kann."


Das "Starke Stück" im Klassiker

Samstags um 10.20 Uhr in SR 2-Der Vormittag
(Wh. sonntags gegen 16.20 Uhr in SR 2-Canapé)

Der "Klassiker" ist ein besonderes Musikstück oder ein längerer Auszug aus einem bedeutenden Werk der Musikgeschichte – von Johann Sebastian Bach bis Igor Strawinsky.

An jedem Samstag übernehmen wir ein "Starkes Stück" von BR Klassik für diesen "Klassiker". Diese ausgewählten Werke werden in Zusammenarbeit und in Gesprächen mit großen Interpreten der Klassik vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche Informationen und Anekdoten.

Das "Starke Stück" wird jeden Samstag zeitnah in der SR-Mediathek bereitgestellt - und zwar für sieben Tage.

Kontakt: sr2@sr-online.de

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