Ron Sexsmith: "Hermitage"

Ron Sexsmith: "Hermitage"

Die CD der Woche

Von Johannes Kloth  

Elvis Costello, Paul McCartney und Elton John lieben ihn, trotzdem ist Ron Sexsmith der große Durchbruch auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen seines Debütalbum noch nicht gelungen. Vielleicht ändert nun "Hermitage" etwas daran. Auf seinem mittlerweile 15. Album stellt der Kanadier einmal mehr unter Beweis, dass er in der Lage ist, perfekte Popsongs zu schreiben. Johannes Kloth hat sich das Album schon angehört. Unsere CD der Woche.

Sendung: Sonntag 19.04.2020 15.20 Uhr

Das Album beginnt mit einer Verheißung: Vogelgezwitscher, sanfte Klavier-Akkorde – und schon sind wir in der Welt des Ron Sexsmith. Es ist eine friedliche, positive Welt. So gar nicht passend zu diesen Zeiten. Oder gerade deswegen vielleicht doch?

Als Ron Sexsmith im vergangenen Jahr die Songs seiner neuen CD "Hermitage" schrieb, war Corona noch eine mexikanische Biermarke und der 56-Jährige voller Vorfreude auf seine kommende Konzert-Tournee. So ändern sich die Dinge. Nun fällt die Tournee natürlich aus. Das Album erscheint jedoch trotzdem – zum Glück. Es zeigt Ron Sexsmith, den Alt-Meister des melancholischen Folk-Pop von einer ganzen neuen, lebensfrohen Seite. "Als ich die Songs schrieb, hatte ich keine Ahnung, dass wir uns dieser schrecklichen Situation nähern, in der wir uns nun befinden", sagt er in einem Interview.

Aber jetzt bin ich froh, dass es eine optimistische Platte geworden ist. Besonders das erste Stück ist so passend: ‚Spring of the following year‘. Wir alle betrachten dieses Jahr als einen Total-Reinfall, vor allem den Frühling haben wir schon abgeschrieben. ‚Spring of the following year‘ ist ein Lied über das Morgen und die Vorfreude.
Ron Sexsmith: Hermitage (Foto: Cooking Vinyl)

Der Opener gibt die positive Grundstimmung vor, die sich durch das gesamte Album zieht. Dass Ron Sexsmith ein großartiger Songschreiber ist, wissen nicht nur Musiker wie Rod Stewart, Paul McCartney oder Bands wie Coldplay und Radiohead, die sich allesamt bereits Stücke von ihm schreiben ließen. Trotzdem konnte der Kanadier das Image des "ewigen Geheimtipps" nie so richtig ablegen.

 "Hermitage" steht nun für eine neue Schaffensperiode des Kanadiers. Das Album entstand nach Sexsmiths Umzug von seinem langjährigen Wohnort, der 3-Millionen-Metropole Toronto, nach Stratford in der Provinz Ontario. Dort lebt er nun Frau und Kindern in einem idyllischen Landhaus. "Sofort nach dem Umzug habe ich gemerkt, wie sich eine riesige Stresswolke über mir verzogen hat", erzählt der Singer-Songwriter.

Jeden Tag bin ich am Fluss entlang in die Stadt spazieren gegangen und habe mich wie Huckleberry Finn gefühlt mit all den Kaninchen und Eichhörnchen um mich herum. Und plötzlich kamen mir diese Songs in den Kopf.

Es war Sexsmiths langjähriger Schlagzeuger und Freund Don Kerr, der dem Sänger vorschlug, - im Stile Paul McCartneys - ein Album aufzunehmen, auf dem er alle Instrumente selbst spielt. Bis auf den Schlagzeug-Part freilich, das in gewohnter Manier Kerr selbst übernahm. Auf diese Weise haben die beiden 14 Midtempo-Folk-Pop-Perlen aufgenommen, allesamt im typischen ohrenschmeichelnden Retro-Sound. Die Melodien, die Sexsmith dabei hervorzaubert, sind eingängig, doch alles andere als naiv. Die Harmoniefolgen, die er unterlegt, lassen aufhorchen. Solch kompakte Songs zu schreiben, ist bereits eine große Kunst. Doch die eigentliche Herausforderung liegt für Sexsmith woanders:

Texte zu schreiben finde ich am schwierigsten. Zumindest am Anfang. Es dauert bei mir immer, bis dieser Prozess ins Rollen kommt. Dann geht es allerdings sehr schnell, bis ein Song Gestalt annimmt.

In den 14 Songs auf "Hermitage" besingt Sexsmith große Gefühle und kleine Zwischenmenschlichkeiten - und immer wieder sein neues Zuhause. Dabei sind die Texte - typisch Sexsmith -  gespickt von subtilen Wortspielen. Schon der Albumtitel enthält die Worte "Hermit", also Eremit, und "age", das Zeitalter: Er habe gedacht, der Umzug aufs Land würde für ihn zum Beginn einer Eremiten-Existenz werden, sagt Sexsmith, dabei sei es anders gekommen. Tatsächlich hat auch Stratford ein paar Einwohner. Unter denen sich der Singer-Songwriter offensichtlich ganz wohlfühlt, wie das eindrückliche Album-Cover unter Beweis stellt. Mit dem Fotos habe er sich seinem neuen sozialen Umfeld anpassen wollen, sagt Sexsmith augenzwinkernd. Man sieht ihn darauf mit Sonnenbrille im Gesicht und einer rosa Federboa um den Hals – beim Rasenmähen:

In meiner Gegend leben einige wirklich prominente Menschen. Justin Bieber zum Beispiel. Ich gehöre nicht dazu.  Aber ich wollte auf dem Cover aussehen wie Elton John beim Rasenmähen. Nein, normalerweise trage ich beim Rasenmähen keine Sonnenbrille.

Infos zur CD:

Ron Sexsmith: "Hermitage"

Label: Cooking Vinyl
LC: 07180
Bestellnummer: 9664233


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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