James Taylor: "American Standard"

James Taylor: "American Standard"

Die CD der Woche

Von Johannes Kloth  

James Taylor ist eine Legende unter den Singer-Songwritern. Im Alter von mittlerweile 72 Jahren hat er nun ein Album mit Klassikern der amerikanischen Popgeschichte veröffentlicht. Ohne Pathos, aber mit viel Gefühl. SR-Musikredakteur Johannes Kloth hat sich unsere CD der Woche schon angehört.

Sendung: Sonntag 01.03.2020 15.20 Uhr

Infos zur CD:

James Taylor (Foto: Norman Seef)

James Taylor: "American Standard"

Label: Concord/Universal
VÖ: 28.02.2020


James Taylor ist eine Legende unter den Singer-Songwritern. Im Alter von mittlerweile 72 Jahren hat er nun ein Album mit Klassikern der amerikanischen Popgeschichte veröffentlicht. Ohne Pathos, aber mit viel Gefühl. Johannes Kloth:

Er hätte auf das gesamte strategische Repertoire, das alternde Popstars gerne nutzen, um im Gespräch zu bleiben, zurückgreifen können. Er hätte dekorative Streicher-Arrangements unter die Gitarrenakkorde legen lassen können, um hochkulturelle Bedeutung zu unterstreichen. Oder er hätte ein Duett aufnehmen können mit Rihanna oder Lady Gaga, um bei jungen Leuten gut anzukommen. Nichts davon hat James Taylor gemacht, denn er hat nichts davon nötig. Wie immer verzichtet James Taylor auch auf seinem neuen Album auf inszenatorischen Pomp jeder Art und stellt stattdessen das in den Mittelpunkt, wofür er seit mehr als 50 Jahren geliebt wird: seine Stimme.

Unzählige Songs, darunter eine ganze Reihe späterer Hits, hat James Taylor in seiner Karriere in bester Singer-Songwriter-Manier geschrieben und aufgenommen. Für sein neues Album "American Standard" hat der 72-Jährige nun einen Blick in die Geschichte der amerikanischen Populärmusik geworfen:

"Es gibt diese Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin und an die ich mich sehr gut erinnere", sagt er. "Sie waren Teil der familiären Plattensammlung und ich hatte von Beginn an ein Gespür dafür, wie man sich ihnen nähern sollte. Für mich war es ganz natürlich, 'American Standard‘ zusammenzustellen".

14 Titel hat sich Taylor für das Album herausgepickt: Melodien, ursprünglich geschrieben für Theater, Musical oder Film, die ihre Urheber längst überlebt haben. Sie sind heute "Standards" im Wortsinne. Jeder Amerikaner kann sie mitsummen. James Taylor erinnern sie an seine Kindheit: "Die meisten dieser Lieder kenne ich von den Originalaufnahmen der berühmten Rodgers und Hammerstein-Musicals wie "My Fair Lady", "Oklahoma", "Carousel", Showboat und andere", erzählt er. "Es sind die Stücke, die John Lennon und Paul McCartney gehört haben und so viele andere Musiker meiner Generation, die in den 60ern ihre Karriere begonnen haben. Diese Stücke sind ihre musikalische Grundlage. Meiner Meinung nach ist das sogenannte 'American Songbook‘, die Musik der 30er, 40er und 50er, die Spitze der amerikanischen Popmusik." 

Obwohl James Taylor keines der Stücke auf "American Standard" selbst geschrieben hat, hat man verblüffenderweise den Eindruck, als seien sie nie von jemand anderem interpretiert worden. Genau das ist es, was James Taylor einzigartig macht. Der samtweiche Bariton, der zwischen lakonischen Optimismus und milder Melancholie changiert, dazu das schlichte Gitarrenpicking: James Taylor hat diese Kombination zur Marke gemacht.  Dabei ist das, was auf der CD so leicht daherkommt, das Ergebnis harter Arbeit: Zwei Jahre lang hat Taylor zusammen mit seinem Freund, dem Gitarristen John Pizzarelli, aus schlichten Akkorden reizende schlichte Arrangements entwickelt, hier und da ein bisschen Geige, Saxofon oder ein paar Tupfer auf der Hammondorgel eingeflochten.

James Taylor, 1948 in Boston, Massachusetts geboren, der fünffache Grammy-Gewinner, der mit mehr als 100 Millionen Alben zu den weltweit kommerziell erfolgreichsten Künstler überhaupt zählt, der als erster Musiker von den Beatles auf deren eigenem Label "Appel Records" unter Vertrag genommen wurde, dieser James Taylor kennt auch die Schattenseiten des Lebens: Vom Psychiatrie-Aufenthalt über den jahrelangen Kampf gegen die Heroinsucht bis zum Motorradunfall, bei dem er sich beide Hände brach.

Die gesamte Lebenserfahrung schwingt mit, wenn James Taylor singt. Er, der immer schon politisch denkender Künstler war, sich in Wahlkämpfen für die Demokraten engagiert, auf "American Standard" singt er nun Texte über die Liebe, das Reisen, die Natur, Texte, die gerade in ihrer Banalität zutiefst menschlich sind. 

In einer höchst polarisiertesten Zeit in den Vereinigten Staaten, besinnt sich James Taylor auf das gemeinsame kulturelle Erbe der Amerikaner. Es ist auch dieser Gestus der Versöhnlichkeit, der "American Standard" zu einem besonderen Album macht.    


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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