Alma Deutscher: "From My Book of Melodies"

Alma Deutscher: "From My Book of Melodies"

Die CD der Woche

Von Johannes Kloth  

Der Star-Dirigent Simon Rattle bezeichnet sie als eine "Naturgewalt", sein Kollege Zubin Mehta als "Genie", gerade erst ist sie mit dem "Europäischen Kulturpreis" ausgezeichnet worden: Die britische Komponistin, Geigerin und Pianistin Alma Deutscher. "From my book of melodies" heißt ihr neues Album - unsere CD der Woche.

Sendung: Sonntag 10.11.2019 15.20 Uhr

Alma Deutscher (Foto: Rolf Bock)
Alma Deutscher (Foto: Rolf Bock)

Klänge, wie aus einer anderen Zeit herübergeweht. Ein Archiv-Fund? Die Hinterlassenschaft eines fast vergessenen Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts? Nein, dieses Stück wurde im Jahr 2010 komponiert – von einer damals Fünfjährigen. Ja, richtig... einer Fünfjährigen! Heute - knapp zehnn Jahre später - erinnert sich Alma Deutscher immer noch, wie sie einen Namen für ihr Stück "The lonely Pine-Tree", auf Deutsch "Fichtenbaum und Palme", suchte – und fand.

Die gebürtige Britin Alma Deutscher ist ein Phänomen, das seit einigen Jahren die Klassikwelt fasziniert: Zahllos sind die Fans und Bewunderer der 2005 geborenen Komponistin, Geigerin und Pianistin. Auch wenn sie selbst den Begriff Wunderkind nicht mag. Als was anderes soll man Mädchen bezeichnen, das mit zwei Jahren beginnt, Klavier zu spielen, mit drei zur Violine greift, mit vier zu komponieren beginnt, das mit sieben bereits eine komplette Klaviersonate vollendet hat und wenige Jahre später ein Violinkonzert, mehrere Kammermusikwerke und eine abendfüllende Oper.  

So außergewöhnlich das alles ist, wenn Alma Deutscher, die seit einiger Zeit in Wien lebt, mit kindlichem Charme und in nahezu perfektem Deutsch ihre Geschichte erzählt, klingt das alles, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit.

Alma Deutscher (Foto: Rolf Bock)
Alma Deutscher (Foto: Rolf Bock)

Die Polka "Sixty-Minutes", komponiert mit zwölf Jahren. Ein weiteres von insgesamt elf Stücken, die Alma Deutscher auf ihrem erstem Solo-Klavier-Album versammelt hat. "From my book of melodies"  heißt es und es ist eine Art Werkschau, so pompös der Begriff bei einer Künstlerin im Teenager-Alter auch wirken mag. Aus jedem Lebensjahr hat Deutscher je ein Stück ausgewählt für das Album. Das beginnt bei Variationen, basierend auf einer Melodie, die der jungen Pianistin im Alter von vier Jahren einfiel. Und es reicht bis zu gerade erst festiggestellten Walzern, bei denen der Einfluss ihrer Wahlheimat Wien nicht zu überhören ist.

Die neue CD:

Alma Deutscher: "From My Book of Melodies"

Label: Sony Classical
LC: 06868
Länge: 51 Minuten
EAN: 0190759901922
Bestellnr.: 19075990192

"From my book of melodies" ist eine Zeitreise in die Zeit der Klassik und Romantik. Die Poesie eines Franz Schubert, die Melancholie eines Chopin,  die Anmut, Leichtigkeit und Brillanz eines Mozart – das alles findet man in Deutschers Klavier-Preziosen. Dazu blitzt immer wieder eine gute Portion kindlicher Übermut durch.

Immer wieder betont Alma Deutscher, wie sehr sie die (wie sie es nennt) "dissonante, hässliche zeitgenössische Musik" verachte. Es sind naive Aussagen, die zuletzt in einer Debatte von Vertretern eines reaktionären Kunst-Verständnisses dankbar aufgegriffen wurden. Man sollte Alma Deutscher nicht unrecht tun und sich am ästhetischen Koordinatensystem einer 14-Jährigen abarbeiten.  

Wer weiß, wie die Britin in zehn Jahren denkt und komponiert? Im Moment spielen die letzten 130 Jahre Musikgeschichte bei ihr keine Rolle. Na, und? Wir finden auf "From my book of melodies" handwerklich herausragende und glänzend interpretierte Kompositionen, die Tiefgang haben und zum derzeit allgegenwärtigen Neoklassik-Gedudel einen wohltuenden Kontrapunkt setzen.


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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