Die CD der Woche: Robert Schumanns Symphonien 2 und 4

Sir John Eliot Gardiner: Robert Schumanns Symphonien 2 und 4

Die CD der Woche

Von Nike Keisinger  

Sendung: Sonntag 06.10.2019 15.20 Uhr

Robert Schumann war ein Meister der Klaviermusik, darin ist sich die Musikwelt einig. Aber wie steht es mit seinen Orchesterwerken? Generationen von Dirigenten haben in die Partituren der Schumann-Sinfonien hineingepfuscht, weil sie meinten, er hätte das Handwerk des Orchestrierens nicht beherrscht. Ein langweiliges Klischee sei das, meint der Dirigent John Eliot Gardiner. Soeben legt er seine Zweiteinspielung der Schumann-Sinfonien vor – diesmal nicht mit einem Originalklangorchester. Stattdessen mit dem London Symphony Orchestra, und nicht aus dem Studio, sondern aus dem Konzertsaal. Nike Keisinger stellt das erste Album vor.

Musik wird gerne aus der Perspektive der nachfolgenden Generationen interpretiert. Die Bewegung der historischen Aufführungspraxis hat verdienstvollerweise den Spieß umgedreht und betrachtet Musik in deren eigenen Kontext. Und so versteht Dirigent John Eliot Gardiner Robert Schumann nicht als Vorgänger von Johannes Brahms, sondern als Nachfolger von Beethoven. Und als Zeitgenossen von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Als Schumann seine Kunst und sein Handwerk lernt, da steckt er unter einer Decke mit Mendelssohn. Sagt John Eliot Gardiner. Und deshalb finden sich auch Mendelssohns Fingerabdrücke in Schumanns Orchestrierung.

Ein gängiges Vorurteil besagt, Robert Schumann hätte nicht instrumentieren können, sein Orchesterklang sei besonders in seinen späten Werken oft zu massiv. John Eliot Gardiner hat das schon vor über zwanzig Jahren widerlegt, als er sämtliche Schumann-Sinfonien mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique eingespielt hat. Jetzt lässt er einen weiteren Schumann-Zyklus folgen – und zwar nicht mit historischen Instrumenten. Sondern mit den exzellenten Musikern des LSO, des London Symphony Orchestra.

In fast jedem Moment ist zu spüren, dass hier mit höchster Anspannung und viel Verve musiziert wird. Die Musiker scheinen auf der äußersten Stuhlkante zu sitzen. Dabei sitzen sie gar nicht. Ein vom LSO veröffentlichtes Video verrät, dass die Musikerinnen und Musiker in diesem Konzert im Stehen spielen! Also in der Position, die normalerweise den Solisten vorbehalten ist.

Das Engagement des Orchesters ist enorm. Fast immer wird mit höchster Präzision agiert. Dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt, ist nur an wenigen Stellen erkennbar. Was im Aufnahmestudio nicht immer einzufangen ist, das dominiert in dieser Konzertsituation des LSO:  Dramatischer Schwung, eine wunderbare Innerlichkeit und stellenweise geradezu magische Momente.

Die Nr. 2 C-Dur gilt als die Zerrissenste und Problematischste von Schumanns Sinfonien – Gardiners Interpretation zeigt hingegen die Größe dieser vielschichtigen Musik. Es ist kein Werk der Krise, sondern ein Werk des Aufbruchs. Und das ist auch Schumanns eigentliche zweite Sinfonie, die d-Moll-Sinfonie, die später als Vierte gezählt wird. John Eliot Gardiner kennt beide Fassungen von Schumanns Vierter in- und auswendig. Hier hat er sich für die frühe Version entschieden – für die transparentere und spontanere Fassung.

Bei Bach bringt John Eliot Gardiner die Musik zum Sprechen, bei Schumann zum Erzählen. Erzählt wird mit vielen Pointen und Feinheiten und natürlich: dem Blick aufs große Ganze. Die Musiker des LSO sind bestens präpariert und erzeugen mit ihrem Spiel stellenweise eine unglaubliche Sogwirkung. Diese CD gibt man nur ungern wieder aus der Hand.


Der britische Dirigent John Eliot Gardiner (Foto: dpa / picture alliance / EFE / Pedro Puente Hoyos)
Archivbild: Der britische Dirigent John Eliot Gardiner

Die neue CD:

SCHUMANN
London Symphony Orchestra / John Eliot Gardiner

Robert Schumann: Symphonien Nr. 2 & 4, Genoveva-Ouvertüre

LSO 0818


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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