Diogenes Quartett (Foto: wildundleise.de)

Diogenes Quartett: Streichquartette Nr. 1 & 3 von Friedrich Gernsheim

Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Von Gabi Szarvas  

Sendung: Sonntag 09.06.2019 15.20 Uhr

Samstag, 8. Juni 2019, 11.20 Uhr: MusikWelt
"Es ist viel spannender, als einen Brahms neu zu interpretieren"
Seit der Gründung 1998 spielt das Diogenes Quartett in seiner Ursprungsbesetzung mit Stefan Kirpal, Ehefrau Gundula Kirpal, Alba González i Becerra und Stephen Ristau. Auf seiner jüngsten CD hat das Ensemble nun die Streichquartette Nr. 1 und 3 von Friedrich Gernsheim ersteingespielt.


Es ist die Erfüllung ihrer innigsten Musikerträume, die sie seit 20 Jahren im Diogenes Quartett ausleben: Bratscherin Alba González i Becerra, Cellist Stephen Ristau, und die beiden Geiger Stefan Kirpal und seine Ehefrau Gundula.

Streichquartett spielen ist einfach eine Leidenschaft, entweder, die packt einen oder nicht. Und wir haben vor 20 Jahren eben angefangen, und das Repertoire ist so riesig groß, und wir wollten einfach so viel spielen, haben in dieser Zeit so unglaublich viel erlebt. Und  ich glaube, wenn man einmal anfängt, und richtig Feuer fängt, kann man davon nicht mehr lassen. Deswegen - 20 Jahre ist ne lange Zeit, aber ich hoffe, es wird noch viel mehr!

Von ihrer Heimat München aus bereisen die begeisterten Quartettmusiker die Welt. Klassische Quartettabende gehören ebenso zum Diogenes-Konzertkalender wie Ausflüge in den Jazz, die Arbeit als SOS Kinderdorf-Botschafter oder Werkstattkonzerte. Harmonie pur herrscht auf der Bühne, in den Proben wird aber gerne mal handfest diskutiert, verrät Cellist Stephen Ristau.

Das hat uns am Anfang auch durchaus schon mal Sorge bereitet, weil wir uns besonders viel gestritten hatten. Und dann hatten wir aber einen Professor, der uns eine Zeitlang betreut hat, der Professor Buchberger, und den haben wir konkret zu diesem Thema gefragt, und er hat uns gesagt - wenn Ihr Euch nicht mehr streiten würdet, dann wäre das Euer Tod, also der Tod des Quartetts. Also insofern haben wir eigentlich keine Sorge, weil wir streiten uns immer noch weiter.
Diogenes Quartett (Foto: wildundleise.de)

Besonders gerne spielt das Diogenes-Quartett Werke verkannter oder vergessener Komponisten. Gerade veröffentlicht wurde bei cpo die Erstaufnahme von zwei Streichquartetten von Friedrich Gernsheim, der drei Jahre als Musikdirektor auch hier in Saarbrücken gewirkt hat. Das erste und dritte seiner fünf Quartette haben Gundula Kirpal und ihr Diogenes-Quartett ausgewählt, und beim Arbeiten Note für Note neu entdeckt.

Wir haben eine große Neugier einfach für vergessene Sachen. Weil wir durchaus eben so jemanden wie Gernsheim entdeckt haben, der völlig zu Unrecht vergessen ist, aber wir haben natürlich auch genauso Komponisten gespielt, wo man sich danach gesagt hat - da kann ich durchaus verstehen, warum dieser Komponist es nicht bis in unsere Zeit geschafft hat. Wenn man sich ne Weile damit beschäftigt, kann man aber vielleicht noch besser wertschätzen, was das einzigartige an einem Mozart, Brahms oder Schubert ist, dass das da alles so wunderbar funktioniert. Man lernt bei dieser Entdeckungsreise auch sehr viel, wobei ich eben im Fall von Gernsheim sagen muss, dass er wirklich ein ganz fantastischer Komponist ist, der wirklich sehr, sehr hörenswert ist, und dem ich es wünsche, dass er auch wieder in die Konzertsäle zurückfindet.

Geboren ist Gernsheim 1839 in Worms, 1916 in Berlin gestorben, dazwischen wirkte er in Mainz, Köln, Meiningen, Rotterdam und Wien, als Dirigent, Klaviervirtuose, Komponist und Lehrer. Er war also eine prominente und geschätzte Persönlichkeit, die nach seinem Tod wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis aus dem kulturellen Gedächtnis Deutschlands gestrichen wurde. Anders ist es kaum zu erklären, warum seine Werke so sehr in Vergessenheit geraten sind, meint Gundula Kirpal.

Also das ist traumhaft schöne Musik, er hat einen unglaublichen Melodienreichtum. Es ist sehr dichte Musik, ich empfinde sie als sehr ehrlich, sehr leidenschaftlich, natürlich sehr spätromantisch geprägt. Er hat eben die Entwicklungen anderer Komponisten nicht mitgemacht, sondern ist sich selbst treu geblieben. Aber ich finde, es ist sehr spannend, sie zu spielen. Es ist nicht leicht, weil man versuchen muss, das Ganze sehr plastisch darzustellen, also dass man wirklich alle Stimmen, die da sind, zur Geltung bringen kann, ohne, dass sie sich zu sehr überlagern, und man nur noch einen Klangbrei hört. Das ist eine gewisse Herausforderung bei ihm, aber es ist einfach unglaublich schöne Musik.
Cover: Diogenes Quartett spielt Gernsheim (Foto: Musikverlag)

Infos zur CD:

Diogenes Quartett – Streichquartette Nr. 1 & 3 von Friedrich Gernsheim

Ersteinspielung bei cpo

Diogenes Quartett:
Stefan Kirpal, Violine
Gundula Kirpal, Violine
Alba González i Becerra, Viola
Stephen Ristau, Violoncello

Mehr Infos dazu unter:
https://diogenes-quartett.de


Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Jeden Sonntag stellen Ihnen unsere Moderatoren um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" den SR 2 KulturRadio CD-Tipp der Woche vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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