Daniel Weltlinger at N-Tone Productions (Foto: Anton Tal)

Daniel Weltlinger Quartet: Szolnok

Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Von Gabi Szarvas  

Sendung: Sonntag 19.05.2019 15.20 Uhr

Es klingt wie der abenteuerliche Plot zu einem Hollywood-Film, ist aber eine wahre Geschichte. Der ungarische Jude Zoltán Fyszman überlebt auf spektakuläre Weise zwei Weltkriege, läuft zu Fuß von Ungarn über Frankreich bis nach Nordafrika. Später führt ihn sein Lebensweg nach Australien, wo er 1998 96-jährig stirbt. Als wäre das nicht schon spektakulär genug, überlebt all diese Strapazen nicht nur Fyszman selbst, sondern auch seine Geige, die er jeden Meter seines beschwerlichen Weges mit sich trägt. Inzwischen gehört sie seinem Enkel Daniel Weltlinger.

Ich finde das symbolisch, sie hat alles überlebt. Sie kommt aus unserer Familie, sie war immer in unserer Familie. Ich bin die nächste Generation, die sie spielen kann. Sie ist symbolisch für viel, zum Beispiel gibt es Menschen, die sind überall in der Welt geboren und aufgewachsen und landen ganz weit weg von ihren Ursprüngen. Heute, 2019, wohne ich in Berlin, ich bin stolz, dass ich ein ungarischer und australischer Bürger bin, und ich bin stolz, diese Geige zu spielen und sie noch weiter zu spielen.
Daniel Weltlinger (Foto: Leo Bonne)

Als Wahl-Berliner mit ungarischen, australischen, israelischen und österreichischen Wurzeln ist Daniel Weltlinger ein Kosmopolit, aus Leidenschaft. Die Familiengeschichte, die so eng mit der Geige "Szolnok" verbunden ist, trägt er tief in seinem Herzen. Durch das Instrument seines Großvaters, das er nach dessen Tod geerbt hat, spürt er eine tiefe Verbindung.

Natürlich ja, ich fühle immer die Seele von meinem Opa in dieser Geige, das ist Wahnsinn. Das war für mich etwas total besonderes, als ich 2017 nach Deutschland zurückkam mit der Geige, da war ich im Schloss Bellevue, mit einem türkischen Ensemble, und wir haben für Frank Steinmeier gespielt, die deutsche Nationalhymne. Das ist so ironisch, dieser Kontext, diese Musik auf dieser Geige. Ich fühle wirklich die Seele von meinem Opa in dieser Geige, da steckt etwas besonderes drin in diesem Instrument.

Deshalb ist seine neue CD, die er seinem verstorbenen Opa und dessen Instrument gewidmet hat, vor allem eines - eine leidenschaftliche und liebevolle Hommage, und eine detaillierte Nachzeichnung seines turbulenten Lebensweges, der 1902 in Ungarn beginnt und 1998 in Australien endet.

Wie die CD anfängt, das ist der Klang des pizzicato, das ist wie eine Uhr. Und das klingt wie die Zeit. Das zweite Stück ist Ernö, der Bruder von meinem Opa, der 1918 an der spanischen Grippe gestorben ist. Dann kommt 1921, und das ist in der Zeit, als mein Opa und seine zwei Freunde mit der Geige über die Grenze geflohen sind, danach gibt es le chant de partisan und Nordafrika. Und in dieser Zeit war der Zweite Weltkrieg. Alles war Chaos, er war Soldat. Danach kommt die Barcarolle, die mein Opa für meine Oma gespielt hat, und danach war Krieg noch mal in Marokko, 1956. Und mein Opa, Oma und meine Mutter, sie war sieben Jahre alt, sind nach Australien geflohen in dieser Zeit.

Wo Zoltán Fyszman blieb und bis zu seinem Tod 1998 mit seiner Familie lebt. "Szolnok" - die musikalische Hommage an eine besondere Geige und ihren Besitzer.

Daniel Weltlinger - Szolnok (Foto: Musikverlag)

Daniel Weltlinger Quartet: Szolnok

Label: DMG Germany / Rectify Records
Vertrieb: Broken Silence
EAN / UPC: 4260022812203
Label Code: 00642

Ein Thema in der Sendung "Canapé" am 19.05.2019 auf SR 2 KulturRadio.


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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