CD-Tipp: Das verschollene Violinkonzert von Henri Marteau

Henri Marteau: Das verschollene Violinkonzert

Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Von Gabi Szarvas  

Sendung: Sonntag 03.02.2019 ca. 15.20 Uhr

Er war einer der erfolgreichsten Geiger seiner Zeit. Schon sein Debüt-Konzert hörten 2500 Fans in Reims, später war er Professor in Berlin und befreundet mit allen großen Komponisten der Zeit, ob Tschaikowsky, Dvorak, Grieg oder Bartók. Heute ist Henri Marteau eher ein Außenseiter der Musikszene, für dessen Musik sich aber auch schon Prominente stark gemacht haben, wie zum Beispiel der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau. Ganz frisch auf CD erschienen, zum ersten Mal überhaupt, ist das Violinkonzert von Marteau, das rund 100 Jahre verschollen war, so Dirigent Raoul Grüneis. Generalmusikdirektor der mittelsächsischen Philharmonie.

"Es war zur Zeit der Entstehung nicht publik genug, es sind zu wenige Exemplare gedruckt worden, definitiv. Marteau hatte meines Wissens ein exklusives Aufführungsrecht gehabt, weshalb niemand anderes es spielen durfte, es war in seinem eigenen Besitz."

In mühevoller Kleinarbeit hat Grüneis das Violinkonzert rekonstruiert, aus Partiturfragmenten und rudimentären Tonaufnahmen. Der Geiger Nicolas Koeckert hat sich der Aufgabe angenommen, die Ersteinspielung auf CD zu bannen - eine Herausforderung in jeder Hinsicht.

"Es ist sehr, sehr schwer, und eben sehr gespickt mit virtuosen Raffinessen, und auch die änge des Werkes ist monströs, alleine der 1. Satz wird 23 Minuten dauert, also man hat also eine große Bandbreite an technischen Raffinessen."

DRP-Violinist Nicolas Koeckert (Foto: SR / Stefan Eising)

Was auch erklärt, warum sich bislang niemand freiwillig daran gemacht hat, das verschollene Violinkonzert wieder zum Leben zu erwecken. 

"Die ersten 2 Wochen habe ich geflucht die Noten zu entziffern, Fingersätze sich zu überlegen, Striche, Bogeneinteilung, das muss gut vorbereitet sein. Gut, dann habe ich gemerkt, es kommt schon. Aber eine Sache ist es, das nur zu studieren, eine andere Sache ist es, das zu spielen oder eben sogar auf Tonträger zu bringen."

Inzwischen ist die schweißtreibende Arbeit erledigt, das verschollene Violinkonzert liegt auf CD vor, erschienen bei Solo Musica. Mit dabei: unsere Deutsche Radio Philharmonie. Die nun auch mit dazu beiträgt, dass das Konzert vielleicht in Zukunft eine spannende Repertoirebereicherung wird, zumindest für Geiger, die Lust an akrobatischen Fingerübungen haben. Wer es nur hören möchte, kann sich ganz entspannt zurücklehnen, sagt Dirigent Raoul Grüneis. Seine Empfehlung geht an:

"alle, die Lust haben an spätromantischer Musik, auch an einer Musik, die vielleicht zuspät gekommen ist, denn 1916 hatte man eine avanciertere Tonsprache, da ist die Musik eher konventionell. Aber jeder, der Lust hat an Mahler, Strauss, Elgar hat, das ist, wie wenn Bruckner ein Violinkonzert geschrieben hätte."

Infos zur CD:

Henri Marteau: Violinkonzert C-Dur Op. 18 / Serenade Op. 20
Ersteinspielung

Nicolas Koeckert, Violine
Deutsche Radio Philharmonie
Leitung: Raoul Grüneis

Label: SoloMusica/Sony Classical
Bestellnummer: SM 299


CD-Neuerscheinung
Das verschollene Violinkonzert
Am 16. November 2018 ist bei Solo Musica die Aufnahme von Henri Marteaus Violinkonzert C-Dur op. 18 mit dem Geiger Nicolas Koeckert und der Deutschen Radio Philharmonie unter Leitung von Raoul Grüneis erschienen. Der Dirigent hat das verschollene Werk mit Hilfe des Klavierauszugs und eines Probenmitschnitts des WDR Sinfonieorchesters aus den 70er-Jahren reorchestriert.


Die CD der Woche

Jeden Sonntag stellen wir Ihnen um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" die "CD der Woche" vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja