Jean Guihen Queyras (Foto: Marco Borggreve)

Queyras: Cellosonaten von Antonio Vivaldi

Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Von Gabi Szarvas  

Sendung: Sonntag 16.09.2018 ca. 15.20 Uhr

Er spielt das Elgar-Konzert bei den BBC-Proms ebenso selbstverständlich, mit glühender Begeisterung und musikalischem Tiefgang, wie Kammermusik von Robert Schumann, Welt-Musik mit arabischem Touch oder die Solo-Suiten von Johann Sebastian Bach. Der französische Cellist Jean-Guihen Queyras steht für Vielseitigkeit im Konzertbetrieb. Aber auch für eine stilsichere, historisch informierte Art der Interpretation. Ein schlanker, wendiger Klang, virtuose Brillanz, Esprit und Charme - all das serviert der Freiburger Professor souverän vor Publikum und auf seinen vielen verschiedenen CDs. Nach Schumann und Carl Philipp Emanuel Bach steht aktuell Antonio Vivaldi im Fokus.

"Vivaldi habe ich, bevor ich angefangen habe zu spielen, ganz lange davor kennengelernt. Meine Mutter war Amateurpianistin, die hat das ganz oft mit einem Cellisten gespielt. Und das war ihr Lieblingsrepertoire. Auch Tartini, Vivaldi, Marcello. Diese Musik war wirklich in meiner DNA und die wollte ich immer wieder aufnehmen!"

Jean Guihen Queyras (Foto: Marco Borggreve)

Beim Label Harmonia Mundi sind jetzt sechs Cellosonaten von Antonio Vivaldi erschienen - barocke Kammermusik, ganz sparsam begleitet mit Tasteninstrumenten, einem Continuo-Cello und Laute. Übungsstücke, die Vivaldi für seine zahlreichen Schüler komponiert hat, und die den Spieler und Hörer mitnehmen in ganz verschiedene Sphären - mal nachdenklich-verträumt, melancholischen Gedanken nachhängend, mal vor akrobatisch-virtuosen Girlanden nur so strotzend.

"Sich mit einem Komponisten zu beschäftigen, ist sowieso ein Eintauchen, und deswegen lohnt sich die Reise sozusagen. Deshalb sind wir Interpret! Weil wir gerne in die ganz, ganz kontrastierenden Welten der verschiedenen Komponisten eintauchen."

Bei Vivaldi sind sie durchaus ungewohnt, sagt Jean-Guihen Queyras, vor allem im Vergleich mit vielen anderen brillanten Solostücken.

"Vivaldi nutzt das Instrument sehr von Grund auf. Er geht nicht viel in die Tenorlage, die solistische Lage des Cellos. Wie das bei Boccherini ist oder bei Haydn. Er komponiert fast nur auf der strahlenden A-Saite. Bei Vivaldi sind es die Grundlagen, und dadurch entsteht eine viel dunklere Welt, die wirklich, finde ich, mit Venedig verbunden ist."

Die Geburtsstadt und auch spätere Heimat des so genannten "prete rosso", des rothaarigen Priesters, der als Pädagoge an den Waisenhäusern der Stadt unzählige junge Mädchen im Instrumentalspiel trainiert und die Stadt während seines produktiven Komponistenlebens mit Opern ebenso bereitwillig versorgt hat wie mit geistlichem Repertoire und hunderten Instrumentalkonzerten. Eine Stadt mit ganz besonderer Atmosphäre, so hat sie Jean-Guihen Queyras vor vielen Jahren selbst erlebt.

"Ich habe so Venedig entdeckt und möchte das so in Erinnerung behalten. Ich war 11 Jahre alt, es war Januar, ein unglaublich kalter Winter, die Nacht war schon da um 5 Uhr abends. Alles war dunkel. Ich bin nicht der Jüngste, damals war Venedig noch sehr leer in der Wintersaison. Diese leeren Straßen, die Dunkelheit, die Schatten, die vorbeigehen, das hat mich so geprägt als Kind, das höre ich in jeder Klangfarbe von Vivaldi."


Infos zur CD:

Cover: Jean-Guihen Queyras - Vivaldi (Foto: Musikverlag)

Antonio Vivaldi: Sechs Sonaten für Violoncello und basso continuo
(RV 40, 41, 43, 45 - 47)

Jean-Guihen Queyras, Violoncello
Michael Behringer, Cembalo & Orgel
Lee Santana, Theorbe
Christoph Dangel, Violoncello

Label: Harmonia Mundi
HMM 902278


Programmtipp:

Das ganze Interview mit Jean-Guihen Queyras finden Sie können Sie in der MusikWelt vom 15. September hören:

Samstag, 15. September 2018, 11.20 Uhr: MusikWelt
"Charmant, frech, unerwartet"


Mehr Infos auch unter:
https://www.jeanguihenqueyras.com/


Der CD-Tipp der Woche in Canapé

Jeden Sonntag stellen Ihnen unsere Moderatoren um 15.20 Uhr im Kulturmagazin "Canapé" den SR 2 KulturRadio CD-Tipp der Woche vor.

Redaktion: Gabi Szarvas

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