SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

„Aus den Augen“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.01.2023 16:45 Uhr

Nr. 919

Nicht dass Sie denken, ich hätte nicht auch gerne eine saubere Stadt. Es wäre mir lieber, wenn nicht jeden zweiten Tag ein Hundehaufen vor unserer Einfahrt läge. Auch auf Zigarettenkippen, Kronkorken, und leere Flaschen auf Gehwegen und in den Straßenbaum-Beeten würde ich gerne verzichten. Und auf die Benzin- und Dieselwolken, die die laufenden Motoren von eiligen Bäckereikunden durch unsere Straße pusten. Könnte ruhig mal jemand aufräumen kommen. Gerne auch der Oberbürgermeister, dem ja die Sauberkeit ein besonderes Anliegen ist.

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"Aus den Augen"
Podcast [SR 2, Peter Tiefenbrunner, 20.01.2023, Länge: 03:52 Min.]
"Aus den Augen"

Und Sauberkeit beginnt mit sauberen Laternenpfählen! Tatsächlich hat sich Uwe Conradt im letzten Jahr beim eigenhändigen Abkratzen von lästigen Aufklebern fotografieren lassen. Vielleicht kommt er ja demnächst auch mal durch und macht die Hundehaufen weg. Tät mich freuen. Außerdem weiß unser Uwe ja: „Sicherheit beginnt mit mehr Sauberkeit.“ Schon in seinen Wahlkampfbroschüren war zu lesen: „Kaum ein Wochenende, von dem man nicht in den Medien liest, dass wieder nachts etwas in der Stadt passiert ist.“ Sogar tags soll es schon dazu gekommen sein. Aber weiter: „Saarbrückerinnen und Saarbrücker haben in der Dunkelheit oft Angst, gehen nur zusammen raus oder bleiben aus der City fern.“ Wer zum Teufel zieht dann kurz nach Kneipenschließung grölend durch unsere Straße und schmeißt Kippen, Kronkorken und Flaschen durch die Gegend?

Natürlich ist der Uwe keine Spaßbremse. Im Gegenteil! Hat er ja auch gesagt: „Ich will pulsierendes Stadtleben.“ Aber es soll halt nicht jeder überall vor sich hin pulsieren, wo es ihm gerade in den Sinn kommt. Deswegen hat der saubere Uwe z.B. die Unterstände an der Johanniskirche abbauen lassen. Damit die sich dort aufhaltenden Randständigen gefälligst woanders ihr Stadtleben führen. Wo man es nicht so sieht. Hat leider nicht soo gut geklappt, weil woanders wollte man die vertriebenen Menschen auch nicht so gerne haben.

Aber das heißt ja nicht, dass die Stadtverwaltung in ihren Bemühungen  nachlassen würde. Gerade hat unser Sozialdezernent Tobias Raab (FDP) einen städtischen Rasenstreifen vor der Wärmestube wieder ordentlich machen lassen. Sprich: Im Morgengrauen bei Regen vier obdachlose Stadtbürger aus ihren Zelten holen, deren Hab und Gut auf einen Laster des Kommunalen Entsorgungsbetriebes verladen und sie anschließend zu anderen Bleiben verfrachten lassen. Ordnung kennt nun mal kein Pardon. Angeblich standen die Zelte in einem Rettungsweg der Feuerwehr, vor allem aber ist nun mal innerstädtisches Campieren verboten.

Und man möchte natürlich auch nicht, dass jemand auf einem städtischen Grundstück etwa erfrieren würde, sagt Herr Raab. Meine Nachbarin Barscheck findet, dass man auch woanders nicht erfrieren sollte. Und dass man sich auch darum kümmern muss. Armut und Obdachlosigkeit schafft man jedenfalls durch solche Saubermann-Aktionen nicht ab, allenfalls aus den Augen.

Erst kürzlich las ich, dass deutsche Politiker nach Finnland fahren, um sich dort Rat zu holen, wie man mit dem Problem der Obdachlosigkeit umgehen kann. Das erfolgreiche finnische Modell heißt: Erstmal Wohnraum bieten. Und zwar nicht etwa Massenunterkünfte, sondern kleine Appartments. Man hat dort nachgerechnet: Das ist billiger, als die Folgekosten des auf der Straße Lebens. Vielleicht könnte man Herrn Conradt und Herrn Raab ein Ticket nach Helsinki spendieren? Unser Treppenabsatz hat schon mal den ersten Fuffi in den Hut geworfen. Haben Sie vielleicht auch mal nen Euro?

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 20.01.2023 und in "Der Morgen" am 21.01.2023 auf SR 2 KulturRadio.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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